Freitag, 20. Oktober 2017

Olympique - Chron

Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/
(sb) Zweieinhalb unendlich lang anmutende Jahre ließen OLYMPIQUE die Musikwelt auf den Nachfolger ihres überragenden Debütalbums Crystal Palace warten, doch nun ist es endlich so weit: am Freitag erschien Chron und es scheint, als haben sich die Salzburger zumindest teilweise neu erfunden. Geblieben ist definitiv das Bombastische, das Streben nach dem ganz Großen, denn bei jedem einzelnen der zwölf Tracks merkt man, dass sich OLYMPIQUE nicht mit halben Sachen zufrieden geben.

Die instrumentalen Arrangements schreien geradezu nach großen Bühnen, das Songwriting ist gewohnt (kann man das auf einem zweiten Album überhaupt schon sagen?) brillant und die Stimme von Sänger Fabian Woschnagg besticht sowohl durch ihre ungemeine Vielseitigkeit, als auch durch eine Tiefe, die man einem Mittzwanziger so an vielen Stellen gar nicht zutraut.

Ja, OLYMPIQUE haben sich verdammt viel Zeit gelassen mit ihrem Nachfolgealbum, doch das war auch genauso angekündigt worden und es hat sich gelohnt. Die Songs sind von A-Z wohl durchdacht, sehr energetisch und werden ihre volle Wirkung vermutlich erst live zur Geltung bringen. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Perfektion und Liebe zum Detail die Band zu Werke geht, um ihre Songs produzieren.

Apropos Band: nach dem Ausstieg des Gründungsmitglieds Leo Scheichenost, der mittlerweile als Graphic Designer beachtliche Erfolge feiert, wurde die Stammbesetzung auf vier Leute ausgebaut, inzwischen besteht der harte Kern jedoch nur noch aus Sänger Woschnagg und Drummer Nino Ebner.
Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/

Dazu gesellen sich im Studio beispielsweise so namhafte Musiker wie der Jazzpianist Philipp Nykrin, live wird das Duo durch zwei weitere Musiker ergänzt. Man darf gespannt sein, wie OLYMPIQUE ihre Songs präsentieren werden, denn in der Vergangenheit war das stets eine geniale Mixtur aus akustischen und visuellen Reizen, wurde doch der Bühnenhintergrund für aufwändige Videoinstallationen genutzt.

Chron besticht durch sein durchgehend hohes Niveau, die beiden ersten Singles R.O.F. und True Love bieten jedoch einen schönen Einblick in das, was den Hörer erwartet. Zugegebenermaßen fehlen die ganz großen Einzelhits des Debütalbums (Lebanon verdient sich dieses Prädikat noch am ehesten), aber wie will man The Reason I Came, Ivory, No Estate To Remind oder mein persönliches Highlight Lullaby auch reproduzieren oder gar toppen? Ich nehme an, das war auch gar nicht das Ziel der Salzburger, denn das wäre vermessen. Vielmehr besinnen sie sich zwar ihrer bereits genannten Stärken, stellen aber das Gesamtwerk in den Vordergrund, halten ihre Texte bewusst vage und lassen Chron so zu einem Album werden, das auch Raum für Phantasien lässt, ohne den Hörer auch nur eine Sekunde lang loszulassen. Tendenziell eher ruhigere Songs wie So Far Gone oder Warlord stellen die stimmliche Komponente eher in den Vordergrund und wenn es um Rock geht, darf sich Ebner an seinen Drums ordentlich austoben. Money klingt mitunter sogar ein bisschen soulig - eine ungemein sexy Melange, die OLYMPIQUE da angerührt haben.

Mein Tipp an Euch: KAUFPFLICHT!

Und natürlich gehen Fabi, Nino und Konsorten demnächst auch auf Tour, was Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet. Wir werden auf jeden Fall vom Tourauftakt in Dornbirn berichten.

Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/
 
 
 



Von Täubchen und einem kräftig abgehenden (Kraft-)Klub!


Bild: https://krasserstoff.com/tour/157443
(bf) Hach, Conrad Sohm, alter Brutkasten für genialste Konzerterinnerungen und ein beständiges Piepen im Ohr, wenn man dampfend dank durchnässter Kleidung draußen auf ein Taxi wartet und sich mit den Umstehenden versichert, dass man das wirklich gerade zusammen erlebt hat.

An diesem Mittwochabend ist die Vorfreude groß und die Erwartungshaltung der Leute entsprechend, waren wir doch schon vor 4 Jahren Zeugen eines genialen Auftritts der Original Ostler aus Karl-Marx-Stadt. Dazwischen auf einigen Festivals in der Umgebung gerockt, jetzt wieder mit einem neuem Album am Start im feuchten Traum jedes Musikfanatikers mitten im Wald hoch über Dornbirn.

Eigentlich nie enttäuscht worden, auch diesmal war das nicht der Fall. Im Gegenteil, bereits die perfekt selektierte Vorband begeisterte beim Reinhören in der Konzertvorbereitung und hat live nur so vom Hocker gehauen. Wie Felix bei der Ansage schon erklärt, wurden Kraftklub größeren Zuschauergruppen über Supportauftritte bei den Beatsteaks bekannt, und auch die Jungs selbst haben ein gutes Näschen für gute Sachen.


Foto: Florian Lackner
Die beiden Berliner Täubchen von Gurr hauen geradlinigen, unkomplizierten Garage Punkrock raus, bei dem Stillstehen grundsätzlich nicht geht. Die Verbindung zum Publikum ist gleich da, auch wenn es zum sich einige Male andeutenden Mosh Pit noch nicht kommen mag. Speziell Diamonds und das deutschsprachige Walnuss bleiben hängen, die 11 Lieder auf dem Debütalbum gehen flüssig den Gehörgang runter und lassen einen mitswingen wie eine gehende immer headbangende Taube - Ready for Takeoff, Ladies! J
 
Kurz darauf wird die Nacht uns endlich genommen, kommen Kraftklub unter großem Jubel auf die Bühne, und auch bei den neuen Stücken, die vielleicht nicht immer so kantig und direkt wie auf den früheren Platten, aber nicht weniger intensiv sind, geht das Publikum gut mit. Stillstand nicht vorhanden. Die Klassiker werden recht gut mit Neuem gemischt, auch wenn man ein paar alte Lieder (Ritalin, Ich will nicht nach Berlin, Mein Leben, Liebe) im Set doch vermisst.

Fenster, Am Ende und Chemie Chemie Ya stechen in der Live Performance wohl am besten aus dem neuen Album raus.
 
Auch zum aktuellen Politikgeschehen gab es vor und nach Schüsse in die Luft mehr Taten als Worte, folgte doch gleich darauf das Ärzte-Cover Schrei nach Liebe. Schön, wichtig und richtig!
 
Persönliches Highlight allerdings war das Cover gemeinsam mit Gurr (an Schlagzeug und Gesang) von Blur's Song 2.
 

In diesem Sinne - in einer Mischung aus Circle Pits, Dauerpogo, Stagedives und ganz viel Wooohoooo - Keine Nacht für Niemand bei dieser Formation ist keine leere Versprechung!
 
Foto: Florian Lackner
 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wy - Okay

Schrecklich hippes Aussehen, wunderbare Musik: Wy
(ms) Warum eine Besprechung eines schönen Albums nicht mal mit einem schlechten Witz anfangen:
Wie heißt diese Band jetzt?
- Wy.
Wie?!
- Wy.
Aha.

Na gut...
Ist sicherlich ein Kalauer, der nur auf deutsch funktioniert (denn why oder Wü wird der Bandname nun wirklich nicht ausgesprochen). Was sich Ebba Ågren und Michel Gustafsson dabei gedacht haben, bleibt ihr Geheimnis. Und ihr Debutalbum ist alles andere als okay. Es ist viel mehr, mit vielen Schichten behaftet und oft traumwandlerisch. Ebba und Michel sind seit langer Zeit ein Paar - sehr interessantes Musikerthema - und nachdem sie schon letztes Jahr ihre EP mit dem Namen Never Was ans Tageslicht beförderten, erscheint die Langspielplatte Okay diesen Freitag via Hybris und Better Call Rob.



Grob beschrieben machen die beiden eleganten Electro-Pop. Für eine feinere Analyse müssen einzele Songs herangezogen werden. Im Opener Indolence ist schon der hohe, aber stabile Falsettgesang auffällig; er begleitet einen Großteil des Albums. Dazu passt die ruhige, mystische und dezente Begleitung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wie?! Zu zweit?! Ja, bei der Aufnahme schon; live wird das Schlagwerk durch ein entsprechendes Programm ersetzt. Die letzte halbe Minute des Songs nimmt richtig Fahrt auf, bricht heraus mit den breiten Klangströmen, die dann auch wieder aufgelöst werden. What would I ever do (s.o.) ist poppiger und greifbarer und daher eine logische Auswahl zur Single. Doch: Was kann man singletauglich dem Hörer zumuten, muss es zwingend (oder tendenziell) ins Radio passen?! Eine Frage, die spannend ist aber wo anders erörtert werden muss. Hate to fall asleep zeigt, dass es nicht nur musikalisch sondern auch textlich ein fein ausdifferenziertes Album ist. In den gesanglich tieferen (oder hier eher normalen) Lagen entfacht Ebbas Stimme viel mehr Dynamik als in den (schwindelerregenden) Höhen. Und wenn jemand gleich Lana Del Rey sagt, gehört derjenige bestraft, denn deren aktuelles Album Lust for life ist so gähnend langweilig, dass es kaum auszuhalten ist. Die Synthie-Phasen im Refrain von Don't call, die träumerisch-sphärischen Takte sind das, was das Werk wirklich stark machen.
Leider gibt es auch ein paar Schwächen. Die sehr ruhigen Lieder wie Kind, 10 p.m. oder ein Großteil von Gone wild warten nur darauf, dass sie zuende gehen. Sie nehmen der Platte ihre Energie und den Drive.
Daher ist es kein durchgehendes Meisterwerk, aber ein wirklich schönes, breit gefächertes Album, das an einigen Stellen laut aufgedreht zum Tanzen animieren kann.

Sie spielen bald ein Konzert in Berlin, weitere Daten für das kommende Jahr sind in Planung.

09.11 - Berlin, FluxBau




Dienstag, 17. Oktober 2017

Högni - Two Trains

Albumcover: Beats International
(sb) Oh Island, was hast Du der Musikwelt nicht schon für großartige Acts beschert? Sigur Rós, Björk, Of Monsters And Men, Rökkurró, 1860, Kaleo, GusGus und das ist nur die Speerspitze des kreativen Outputs der Insel knapp südlich des nördlichen Polarkreises. Und wenn wir schon bei GusGus sind, dann schlage ich doch direkt mal die Brücke zu deren ehemaligem Bandmitglied und Frontmann HÖGNI, der am 20.10. sein Debütalbum "Two Trains" veröffentlichen wird. Während sich GusGus in den Bereichen Techno, Elektro aber auch Soul verorten lassen, kann sich Högni zwar keinesfalls von elektronischen Klängen loseisen, setzt aber weitestgehend auf klassisches Songwriting mit melancholischer Grundfarbe. Man verfällt ja schnell in Stereotypen ("die Isländer halt"...), aber stellenweise muss man Sigur Rós als Referenz halt doch heranziehen. Nichtsdestotrotz gelingt Högni mit "Two Trains" ein ebenso spannender wie gelungener Spagat zwischen moderner und klassisch-traditionell anmutender Musik, was sicher auch dem Konzept geschuldet ist, dem das Album zugrunde liegt.

Inmitten der Zerstörung auf dem Festland transportierten die zwei Lokomotiven Minør und Pionér von 1913-1917 Wagenladungen an Stein und Kies für den Bau des Hafens von Reykjavík an die Küste Islands. Die zwei metallischen Giganten läuteten ein neues Zeitalter für das Land ein. Doch bereits kurz nach Ende der Arbeiten am Hafen wurden die beiden Loks geparkt und fuhren seither nie wieder. Heute erinnern sie uns nur noch an das Grandeur einer längst vergangenen Zukunft. Es sind die einzigen Züge, die je die isländische Landschaft schmückten.

Die Musik auf "Two Trains" umarmt den Geist der ursprünglichen, europäischen Avantgarde und beruft sich auf ihre Konzepte, mit ihren tuckernden Rhythmen, dem metallischen Klirren und den brütenden Choral-Arrangements (männliche Chöre sind ein distinktiv isländisches Phänomen, das auf die nationale/romantische Politik des 19. und 20. Jahrhunderts zurückzuführen ist), während die Texte von unheilvollen Wolken am vom Krieg beherrschten, östlichen Horizont und von Frachtwagons voll Kies und Träumen erzählen.

Künstlerfoto: Albumcover: Beats International

Alles in allem hat Högni ein Werk geschaffen, das mich einerseits fasziniert, andererseits aber auch verstört. Insbesondere die angesprochenen Chöre wirken aus der Zeit gefallen und kontrastieren die ausgefeilten Soundstrukturen so grob, dass ich sie als störend empfinde. Sehr schade, da die eigentlichen Songs durch die Bank richtig geil arrangiert sind. Und wenn man sich dann noch das Äußere (siehe die Bilder im Artikel) von Högni in Kombination mit der mitunter extrem verletzlichen Stimme vorstellt, kann man erahnen, wie viele Emotionen der Isländer in dieses Album gepackt hat.

Mein Tipp: auf jeden Mal bei Spotify oder so reinhören und dann bei Gefallen (und das kann durchaus passieren!) noch kaufen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Kettcar - "Ich vs. Wir"

Man trinkt jetzt Wasser: Kettcar. Foto: Andreas Hornoff

(ms) Alle haben im Vorfeld geschrieben, dass Kettcar endlich wieder da seien. Das ist ja grob falsch. Manch einer hatte sogar die Befürchtung, dass sie nach ihrer Pause nicht wieder kommen würden. Das konnte ich mir erst recht nicht vorstellen. Eine Band wie Kettcar legt keinen schleichenden Abgang hin, sondern ein fulminantes Album mit dem Titel Ich vs. Wir, das diesen Freitag auf dem Haus- und Hof-Label Grand Hotel van Cleef erscheinen wird.
Es ist das Album, dass fünfeinhalb Jahre durchdacht wurde.
Was ist in der Zwischenzeit passiert?!

Marcus hat sein Solo-Album geschrieben, eingespielt und ist damit auf Tour gegangen. Reimer hat sich um das Label gekümmert und Lars Aal geräuchert. Doch Kettcar war immer präsent, sie haben in Bremen und Hamburg Konzerte gegeben, bei denen Marcus auch mal den Text vergessen hat. Was darf man von dem neuen Album also erwarten?
Mindestens drei Faktoren erfüllen sich hier:

1.) Wie sich Marcus auf Konfetti ausprobiert hat, schlägt sich auch auf der neuen Platte wieder.
2.) Die Songs sind wesentlich gesellschaftspolitischer als vorher. Zwischen den Runden war ein herausragendes Album in bester Kettcar-Manier mit Geschichten, die für jeden greifbar waren, Rettung vielleicht bis dato das beste Beziehungslied, das man zu hören bekam. Durch globale Entwicklungen (Russland, Türkei, USA, Großbritannien und auch AfD) sahen sich Marcus und Reimer sicher angestachelt, darauf einzugehen. Achja: Gleich ruft jemand ...but Alive, doch das ist Quatsch. Weil:
3.) Das Album ist wesentlich gitarrenlastiger als der Vorgänger. In irgendeinem Nachrichtenbeitrag wurde zu Zwischen den Runden ernsthaft behauptet, dass Kettcar im Schlager angekommen seien. Dieser derben Beleidigung musste man natürlich entgegnen. Es ist feinster Indierock mit mehr E- als Akustikgitarre als zuvor, aber kein 90er Politpunk, was ja auch ernsthaft keiner mehr möchte. Dafür ist man zu reflektiert, zu gut informiert, braucht keine Pauschalisierungen, kann besser argumentieren, ansonsten ist man halt bei Egotronic oder Feine Sahne Fischfilet.

Schauen wir uns die einzelnen Stücke mal an:
Ankunftshalle: Das Album beginnt mit typischem Kettcar-Sound und ihrem guten, alten Storytelling, dass ein Bahnhof und ein Wiedersehen ein Ort und Gefühl ist, das verbindet, das jeder kennt, wenn man wieder vereint wird und die Menschen für einen Moment Menschen und "für einen Augenblick keine Meute sind". Guter Start!
Wagenburg: Hier macht sich deutlich, dass der Klang ähnlich ist wie auf Sylt: Wuchtiger, manchmal komplizierter, einfach rockiger. Es geht soziologisch, psychologisch zu, Gruppendynamiken, Individualität und die Verbindung zum Albumtitel mit der Eröffnung der politisch-gesellschaftlichen Inhaltsebene: AfD, Pegida, Reichsbürger, Chemtrailer, Populisten, Verschwörungstheoretiker, die sich in ihrer Argumentationen in die Wagenburg zurückziehen, ein militärisches Mittel, das aus der Defensive agiert. Doch der Song ist kein Dagegen, es ist ein Beobachten und Schildern.
Benzin und Kartoffelchips: Es schleicht sich hier der Eindruck ein, dass es ein Song ist, der es vormals nicht so recht auf eine Platte geschafft hat und hier nun den Raum findet. Nein, kein Lückenfüller, aber insgesamt einer der schwächeren.
Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun): Es die vorab gefeierte Single und mit/nach Der Tag wird kommen das schwerwiegendste und wichtigste Lied, das Marcus Wiebusch je geschrieben hat. In Verbindung mit dem Video ist es ein Garant für Gänsehaut, stockenden Atem und Tränen. Ich würde gerne wissen, wie es auf betroffene ehemalige DDR-Bürger wirkt. Klar, die Parallele von '89 zu '15/'16 ist gewagt, fokussiert jedoch offen die Arbeit von Fluchthelfern.
Die Straßen unseres Viertels: Für den "Na na na"-Gesang am Anfang muss es eine Strafe geben, das ist ganz schlimm. Jedoch: Hier wird gnadenlos reflektiert und auf die Filterblase eingegangen, in der wir vegetarischen Akademiker uns befinden. Selbst die ZEIT hat das letztens der Band vorgeworfen, hier ist das musikalische Gegenargument. Ein wichtiges Lied!
Auf den billigen Plätzen: Back to the roots. Ein unumwunden gutes Lied, das jedoch nicht so richtig im Kopf hängen bleibt.
Trostbrücke Süd: Nach Landungsbrücken raus und Schrilles, buntes Hamburg ist es der nächste große Hamburg-Song der Band, dieses Mal aus der Feder von Reimer. Es ist das ruhigste Lied der Platte und so so schön. Hörend findet man sich wieder in einer Bus- oder U/S-Bahnfahrt am frühen Morgen. Hier wurde groß getextet mit einem immensen Gespür für das Zwischenmenschliche, Greifbare und gefühlvoll Nachvollziehbare.
Mannschaftsaufstellung: Uhi. Wird es hier antideutsch?! Der Refrain lässt es erahnen, aber ich vermute es ist keine Meinung der Band, sondern eine weitere gute Story. Es ist ein knallhartes, aufmerksames AfD-Portrait und stellt klar, dass jede ihrer Provokationen geplant, durchdacht, inszeniert sind. Am Ende doch die Frage: Muss dieses Lied sein? Oder ist es am richtigen Ort, um als Diskussionsstoff zu taugen?
Das Gegenteil der Angst: Ein gesellschaftliches und nicht befindlichkeitsfixiertes Mutmacherlied.
Mit der Stimme eines Irren: Dümpelt das Album etwa aus?! Nein, nicht mit einer Zeile wie dieser: "Wenn man Grenzen, die man zieht, von oben immer nur als Linie sieht."
Den Revolver entsichern: Das Lied ist so breit und fein und tief, dass ich nur sagen will, dass das Schlussplädoyer für sich steht. Danke dafür.

Ja, die Erwartungen - insbesondere nach der ersten Single - waren groß. Sie werden erfüllt. Ob sie übertrumpft werden, muss jeder für sich entscheiden. "Den Zeitgeist erkennen" klingt so abgegriffen, doch Kettcar haben genau das geschafft und gemacht.
Insgesamt wird es vielleicht nicht mein Lieblingsalbum der Band, doch die Wichtigkeit dessen ist offensichtlich. Texte im Gitarrenpop sind wieder relevant.

Hier sind Kettcar kommendes Jahr live zu bestaunen (wir sehen uns in Dortmund und Hamburg):

18.01. - Saarbrücken, Garage
19.01. - München, Tonhalle
20.01. - A - Wien, FM4 Geburtstagsfest
21.01. - A - Graz, PPC
22.01. - CH - Schaffhausen, Kammgarn
23.01. - CH - Bern, Bierhübeli
24.01. - Erlangen, E-Werk
25.01. - Stuttgart, Theaterhaus
26.01. - Dortmund, FZW (ausverkauft)
27.01. - Bremen, Schlachthof (ausverkauft)
28.01. - Kiel, Max
30.01. - Magdeburg, Altes Theater
31.01. - Dresden, Schlachthof
01.02. - Leipzig, Haus Auensee
02.02. - Wiesbaden, Schlachthof
03.02. - Köln, Palladium
06.02. - Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
07.02. - Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
08.02. - Hannover, Capitol
09.02. - Bielefeld, Ringlokschuppen
10.02. - Berlin, Columbiahalle (verlegt aus Huxleys)
23.03. - Essen, Weststadthalle
24.03. - Bremen, Schlachthof





Dienstag, 10. Oktober 2017

Mine & Fatoni - Alle Liebe nachträglich

Mine & Fatoni. Foto: Simon Hegenberg
(ms) "Wenn Sie nicht mit ihrem Mann schlafen, dann wird es eine andere tun." Das hat die bekannteste Scheidungsanwältin Amerikas letztens in einem sehr lesenswerten Interview mit dem ZEITmagazin gesagt. Das klingt hart, ehrlich und sie hat genügend Erfahrung, um genau das zu behaupten. Wahrscheinlich wissen auch viele Getrennte, dass das wahr sein kann. Über die Hochs und die vielen Tiefs einer Beziehung weiß Laura Wasser sicherlich so gut wie kaum jemand anders Bescheid. Und jetzt kommen Mine und Fatoni um die Ecke und bringen diesen Freitag ihr gemeinsames Album "Alle Liebe nachträglich" auf den Markt und machen der Anwältin mächtig Konkurrenz. Hier kommen nicht nur zwei kluge Texter zusammen, sondern auch ein Haufen an schlauen, bitterbösen, wahren und treffenden Gedanken und Zeilen zum Zusammenleben, Streiten, wieder Vertragen, Auseinanderleben und Verlieben zweier Menschen.

Mine: bürgerlich Jasmin Stocker, hat Musik studiert, schon mit Fatoni gearbeitet und zwei eigene tolle Alben veröffentlicht.
Fatoni: bürgerlich Anton Schneider, hat nicht studiert, macht seit er denken kann Rap, brachte dieses Frühjahr zuletzt sein "Im Modus"-Mixtape raus.
Gemeinsam haben sie gut zwei Jahre an diesem Anwärter für das Album des Jahres gearbeitet (Nein, es ist wirklich nicht übertrieben). Bemerkenswert dabei ist, dass sie das oft an zwei unterschiedlichen Orten getan haben.
Direkt am Anfang kann unumwunden behauptet werden, dass sie dabei die Unterstützung von Tristan Brusch (Mehr) oder Danger Dan (Aua) gar nicht hätten gebraucht, denn die Platte spricht in jedem Takt musikalisch und textlich für sich!
Anders als bei anderen Duo-Produktionen (beispielsweise Minor Alps) singen Fatoni und Mine selten zusammen. Sie ist für die Gesangparts und viele Refrains zuständig und er geht seiner unbändigen Fähigkeit nach, auch mal hölzerne Reimketten gekonnt unterzubringen.

Mit Romcom startet dieses Werk vielleicht mit dem besten Track, dem "Klischeebeziehungsstreit", der ewigen was-gucken-wir-heute-abend-Lethargie plus die allergrößte Frage: Wollen wir gemeinsam Kinder groß ziehen?! Und das alles nur in viereinhalb Minuten: Hut ab! Andersweitig (Mehr) geht es auch um nicht erwiderte oder einseitige Liebe, was den einen irritieren kann und den anderen zu großem Schmerz führt. Der Titeltrack und gleichzeitig die erste Single lässt eine alte Liebe revu passieren mit den schönen und unschönen Momenten, die gut- und wehtun können, wenn man sich daran erinnert. Entsprechend schwer melancholisch mit großem Streicherarrangement ist der Song ausgestattet. Diese klanglichen Finessen gehen auf Mines Konto (Studium, Erfahrung etc.), und dafür gehört ihr ein Denkmal gebaut.
Auf so einem Konzeptalbum gehört natürlich auch ein Liebeslied, die rosarote Brille erscheint hier als Schminke. Zum Ende hin wird es immer stärker (ja, ich schwärme, ist klar, geht aber auch gar nicht anders). Fundament ist m.E. das musikalische Highlight mit der herrlich eingängigen Keyboard-Line; dazu textlich das krachende Ende einer gemeinsamen Zeit mit der Zeile: "Schlampe darf dich wirklich nur einer nennen, du miese Schlampe." Ja, es darf auch mal derbe zugehen. Aber: Erstklassiges Hitpotential. Traummann schlägt die Brücke zum obrigen Zitat, Mine entfaltet hier ihr enormes Talent für Melodien und Soundfinesse. Schließlich singt sie auf Mon Coeur auch noch französisch im Refrain: extraordinnaire!

Alle Liebe nachträglich ist ein außergewöhnlich kluges Album, das textlich sorgfältig, musikalisch mannigfaltig und insgesamt halt kaum zu schlagen ist.
Wir sind ja lange schon große Fans von Fatoni (und das hier ist weitestgehend erstklassige Popmusik), jetzt sind wir es auf jeden Fall auch von Mine und wenn die beiden auf Tour gehen, wird ein Spektakel entfacht. Das ist hier zu bestaunen:

05.12. - Musikzentrum Hannover, Hannover
06.12. - Uebel und Gefährlich, Hamburg
07.12. - Luxor, Köln
08.12. - Kulturzentrum Lagerhaus, Bremen
09.12. - FZW, Dortmund
10.12. - Schlachthof, Wiesbaden
12.12. - Skaters Palace, Münster
13.12. - Columbia Theater, Berlin
14.12. - Kulturzentrum E-Werk, Erlangen
15.12. - Conne Island, Leipzig
16.12. - Ampere, München
17.12. - Im Wizemann, Stuttgart



Sonntag, 8. Oktober 2017

William Patrick Corgan - Ogilala

(sb) William Patrick - da muss man sich auch erstmal dran gewöhnen, wenn man den Mann Zeit seines Lebens (zumindest gefühlt) nur als Billy Corgan kannte. Na, klingelts? Richtig, das ist niemand anderes als das Mastermind und die Stimme der Smashing Pumpkins. Nach seinem 2005er Werk "TheFutureEmbrace" veröffentlicht der mittlerweile 50-Jährige aus Chicago am 13.10. sein zweites Soloalbum, das auf den ungewöhnlichen Namen "Ogilala" hört.

Selten war ich so gespannt auf einen Release und selten bin ich mit so wenig Erwartungen an ein Album herangetreten wie in diesem Fall. Der Grund ist ganz einfach: in meiner Jugend war ich ein riesiger Fan der Pumpkins, habe sie zweimal live in München gesehen (1995 im legendären Terminal 1, 1997 in der Olympiahalle) und konnte nicht genug von der Band bekommen. Es gibt wenige Alben, die ich in meinem Leben so oft gehört habe wie "Siamese Dream" und vor allem "Mellon Collie and the Infinite Sadness", Songs wie "Today", "Bullet With Butterfly Wings", "Tonight, Tonight" oder "Ava Adore" haben mich bis heute begleitet.

Warum also diese ausgeprägte Skepsis? Zum Einen haben mich die letzten Alben der Smashing Pumkins extrem abgeschreckt (von der ursprünglichen Besetzung sind eh nur noch Corgan und mittlerweile wieder Drummer Jimmy Chamberlain übrig), zum Anderen konnte ich mich zu keiner Zeit mit Billys Solo-Debüt anfreunden. Drumcomputer, Syntheziser und langweilige Belanglosigkeit - das war nicht der Corgan, den ich kannte und der in Zeiten der Generation X stilprägend war.

Photo: Alpha Pan
Und nun also "Ogilala"... Für den Titel für den bescheuertsten Albumnamen des Jahres hat sich Corgan schon mal in eine aussichtsreiche Position gebracht, aber Gott sei Dank kommt es darauf ja nicht an. Ich gebe zu: meine Nervosität beim ersten Anhören der Scheibe war sehr ausgeprägt, doch schon nach den ersten paar Tönen war sie gewichen. Zu schön, zu sanft, zu verletzlich waren die Klänge, die den Boxen schmeichelten und ja, es war Begeisterung vom ersten Song ("Zowie") an.

Produzentenlegende Rick Rubin legte Hand an bei den elf Tracks, die wie aus einem Guss herüberkommen, ein überaus stimmiges Gesamtbild zeichnen und getrost als Meisterwerk bezeichnet werden dürfen. Der Zorn vergangener Tage scheint verflogen, die Melancholie ist zurückkehrt, aber auch hoffnungspendende Melodien und Texte hat Grammy-Gewinner Corgan auf "Ogilala" gezaubert.

“So lange wie ich zurückdenken kann, konnte ich den Unterschied zwischen Songs, die ich für mich schrieb und Songs, die ich für welche Band auch immer schrieb, nie genau erklären. Und das ist noch immer so, denn sie fühlen sich alle sehr persönlich für mich an, egal aus welcher Zeit oder Ära. Der einzige Unterschied bei den Songs für Ogilala ist, dass sie wenig Verzierung benötigten”, erklärt Corgan. “Nachdem ich die Songs für Gesang und Gitarre geschrieben hatte, habe ich mich in Ricks Hände begeben und ihm die Entwicklung der Musik überlassen. Normalerweise hätte ich mehr getan und mehr an der Produktion geschraubt, aber stattdessen hat Rick mir die Bürde auferlegt, Live-Aufnahmen auf einem molekularem Level abzuliefern. Der Rest war einfach nur eine Reaktion.”

Tracks wie "Amarinthe" und "Manarynne" treiben einem ob ihrer puren Schönheit die Tränen in die Augen und lassen Klassiker wie "Disarm" oder das deutlich unbekanntere (aber bessere!) "Soothe" vergessen.

Liebe Leser der luserlounge, lasst Euch dieses Album nicht entgehen - Ihr werdet es nicht bereuen!



Samstag, 7. Oktober 2017

Bender & Schillinger - "Dear Balance"

Foto: Regine Ullrich
(ms) Es stellt sich schnell diese eine Frage: Sind die beiden ein Paar? Wenn ja: Wie ist es wohl, wenn man sowieso extrem viel Zeit miteinander verbringt, wohl möglich zusammen lebt, den Abwasch organisieren muss, daran denken, neues Klopapier zu kaufen, die Schwiegereltern nett zu finden und ab und an auf deren Hund aufpassen muss? Wie fest muss also das Band zwischen zwei Menschen sein, um das auszuhalten, sogar Spaß daran zu haben und Energie zu finden, zusammen Musik zu machen. Das ist ja ohnehin ein Vorgang, der dafür programmiert ist, sich in die Haare zu kriegen, der Streit um die richtige Melodie, den passenden Rhythmus ist vorprogrammiert oder die Frage: "Wie meinst du denn jetzt diese Zeile, die du geschrieben hast?! Ist das eher so allgemein oder meinst du etwa mich?!" Da wird also ein großes Kapitel aufgemacht.
Jedoch anders herum genauso: Ist man nicht zusammen und macht zusammen Musik und befindet sich gleichzeitig in einer Beziehung: Wie ist es dann?! Da muss zweifelsohne sehr viel Vertrauen im Spiel sein. Doch vielleicht ist das hier auch alles nur Mutmaßung, vielleicht sind sie gar nicht hetero, vielleicht sind es einfach Sandkastenfreude und diese Art zusammen zu arbeiten das Selbstverständlichste der Welt?!
Also: Unbedarft sein.
Und genauso unbedarft sollte man an das wundervolle Album Dear Balance von Bender & Schillinger gehen. Doch es sei jedem Hörer versprochen, dass man es sehr schnell sehr gut finden wird. Acht Lieder und nicht mal eine halbe Stunde Zeit hat jeder, um sich darin zu verlieben, alle anderen sind Banausen. Ja, manchmal ist es so einfach. Linda Bender und Chris Schillinger haben sich Zeit genommen für ihr drittes Album und das ist in vielen Takten zu spüren. Zu zweit haben sie alle Instrumente eingespielt, was auch live zu bestaunen ist, ja man kommt aus dem Sog kaum heraus, wenn sie erst einmal loslegen.
Der Opener Mountains and Valleys gibt zügig vor, wie fein und austariert die Musik ist, die Linda und Chris schaffen. Sanfte Gitarren, angenehme Percussion und der schöne Wechsel von Solo- und Duettgesang. Es sind die Grundmanifestationen, die man mittlerweile bei Angus & Julia Stone vermisst. Transition zeigt, dass sie auch zügig können, ein Song, zu dem man sich augenschließend im Traum bewegen möchte; ohne Kitsch, ohne rosa Brille, denn zum Schluss geht es richtig ab. Harbour ist übrigens genau der Song, den man aktuell im Radio vermisst (das ist keine Übertreibung!): große Klasse, da sind jegliche Umschreibungen zu wenig, um den Klang einzufangen. Lovelession experimentiert auch mit dem Sound: Synthieklänge, die Gitarre als Rhythmusinstrument, Chorgesang im Hintergrund, zwischenzeitlich können auch die Füße nicht still stehen.
Ja, dieses feine, kleine Album ist sehr groß. Da stecke Liebe zum Detail drin und viel musikalisches Know-How. Bald sind Chris und Linda wieder auf Tour und aus eigener Erfahrung können wir behaupten: Der Besuch ist ein Fest zum Schmusen, Tanzen, Schwelgen.

28.10.17 – Koblenz, Café Hahn
01.12.17 – Neustadt an der Weinstraße, Villa Böhm
07.12.17 – Wiesbaden, Kesselhaus
08.12.17 – Worms, Lincoln Theater
15.12.17 – Köln, Junge Club
16.12.17 – Karlsruhe, Kohi



Freitag, 6. Oktober 2017

Wanda - alles andere als "Niente"!


Bild: Wolfgang Sehofer (Universal Music)

(mb) Die neuen Austropop-Helden WANDA veröffentlichen an diesem Freitag ihr drittes Studioalbum „Niente“. Eine Band, die so schnell gehyped wurde, dass es ihr selbst wohl schon unheimlich war. Nicht nur die Heavy Rotations auf den Radiosender, auch die ekstatische Performance auf der Bühne sprach sich schnell herum. Jeder hörte es, jeder wollte und will die Wiener sehen. Die Band ist quasi fast ununterbrochen drei Jahre lang unterwegs gewesen. Das spiegelt sich auch im neuen Album „Niente“ sehr stark wider.

Der neue Longplayer ist äußerst selbst referentiell und spielt sich – augenscheinlich – in der Zeit vor dem ersten Album ab. Es ist ein Konzeptalbum, das musikalisch mit größeren, ja fast opulenten Arrangements garniert wurde, die dem Sound merklich guttun. Am Klang erkennt man WANDA dennoch sofort wieder. Wenngleich weniger rotzig, dafür orchestrierter und aufgeräumter. Die textliche Verschrobenheit ist auch nichts Neues, Sänger Marco Wanda überlässt die Deutungshoheit seit jeher dem Hörer. Natürlich angenehm Wienerisch singt er so daher - um einen Referenzrahmen beim Hörer zu stiften und um Metaphern vergangener Erinnerungen zu kreieren.
Aber in Wahrheit ist die Platte eine düstere Konsequenz der letzten Jahre. Ein Erklärungsversuch.

„Niente“ eröffnet mit „Weiter, Weiter“. Ein Stück, ganz typisch orchestriert, handelt vom getriebenen Gegenwarts-Ich, welches auf der Suche nach der Unbekümmertheit vergangener Tage ist. Man nehme die Zeile „immer brauch ich mehr und mehr, immer leichter wird es schwer und schwer“. Die Angst wird größer – „alles wirft mich aus der Bahn“. In der Hoffnung, dass das alltägliche Hetzen bald ein Ende hat und man aus dem Hamsterrad raus kann – „vielleicht dauert´s nimmer lang, vielleicht fängt es von vorne an, irgendwann“.

Bild: Universal Music
Anschließend nehmen die beiden sehr soliden Single-Auskopplungen „Columbo“ und „0043“ einen Platz ein, die die Sehnsucht an vergangene Kindheitserinnerungen wieder aufleben lassen. Mit „Lieb sein“ folgt ein nerviger, völliger unnötiger Track, der mit der kindlich gesungenen Art einfach herausradiert gehört. In „Wenn du schläfst“ wird die Vergänglichkeit thematisiert, die glücklichen Momente zuhause - damals und jetzt. Das Ganze wird kontrastiert vom ständigen getrieben sein „oh wieso geht’s immer weiter“.

Textlich verankert man sich anschließend in der Adoleszenz. Die Themen kreisen um Jugend, Liebe und das sorglose Umhertreiben. Mit „Lascia mi fare“ findet sich auch definitiv ein Hit, kein „Bologna“, aber derart eingängig arrangiert und unbeschwert.

In das „Ende der Kindheit“ wird das ernste, steife und zum Teil auch falsche Auftreten der Erwachsenen diskreditiert, ohne es jemals in den Mund zu nehmen. Wie fast bei jedem Song, schwingt hier die Bedeutung zwischen den Zeilen.

Mit „Cafe Kreisky“ spielen WANDA mit dem Gefühl der Veränderung und Auseinanderlebens, während sie in „Einfacher Bua“ Unsicherheit und die Illusion des Heranwachsendens darstellen, um sich dann für die ästhetische Selbstverwirklichung und gegen das verantwortungsbewusste, konforme Handeln entscheiden. Es scheint fast so, als hätte man für den Moment seinen Frieden mit sich und seinen Entscheidungen gemacht.

„Ein letztes Wienerlied“ steht in guter Gesellschaft zum Kanon der existierenden Wienerlieder, mit der Bitte um Aufnahme in diesen. Der Track fällt komplett aus dem Rahmen, ist durch den prominenten Einsatz des Pianos und des kunstvollen Gesangs fast schon avantgardistisch - und dadurch im klaren Widerspruch zu sonstigen WANDA Seligkeit Scharmützel.

Das Album endet plakativ mit dem Titel „Ich sterbe“. Zum wiederholten Male bleibt hier wieder das Ungesagte wichtig. Die Zeile „Alle Häuser haben etwas Weißes an“, hat etwas Unbeflecktes, Reines. Die Band war unentwegt unterwegs, das zehrt an den Kräften des Gegenwarts-Ich. Man versucht den dionysischen Lebensstil, die Sünden der schweiß- und alkoholgetränkten Abende abzuschütteln. „Mein Herz aus Marzipan fängt zu brennen an“ bestätigt den reinen Kern, der schauderhaft verkommt. Man kann nur hoffen, dass die fünf Wiener noch nicht genug haben.  Aber ist es nicht bequem, schöne Menschen anschauen zu gehen“ ist ein stummer Schrei danach, mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern sich passiv und lustvoll dem Geschehen hinzugeben. Einfach mal ungestört durchatmen zu können.

Also wie ist das neue WANDA Album dann?

Für mich ist es die persönlichste, ehrlichste und verletzlichste Platte, die WANDA mit „Niente“ geschaffen haben. Das Konzeptalbum wirkt stringent, authentisch (es war sonst schon sehr viel Pathos im Spiel) und genügsam. Es ist ihr bisher stärkstes Album.
Bleibt zu hoffen, dass sie weiterhin Bock auf den Trubel haben.

So leid es mir tut WANDA, aber ihr seid musikalisch und textlich definitiv erwachsen geworden.

 


Montag, 2. Oktober 2017

Welshly Arms - nicht nur Legendary!

(sb) "Legendary" - wer kennt den Song nicht? Was für eine Hymne! Das Ding lief Monate lang sogar im Radio rauf und runter, erreichte Nummer 16 in deutschen Charts und war nicht zuletzt dank des Films "Power Rangers" in aller Munde. Aber wer steckt dahinter? Nicht etwa die großartigen OLYMPIQUE (zu denen kommt auch bald was Neues, versprochen!), sondern WELSHLY ARMS aus Cleveland, Ohio.

Nun wird "Legendary" als EP re-released und man fragt sich, warum das denn nun zwingend sein muss. Nochmal ein bisschen Geld verdienen und den Erfolg des Songs auszuschlachten? Mitnichten! Die "Legendary"-EP bietet neben dem Titelsong drei weitere Tracks, die zu gefallen wissen. "Who We Are" ist eine weitere Stadionhymne, die definitiv Hitpotential mitbringt und auch die Viny-B-Seiten "The Only" und "Never Be The Same" zeugen von herausragenden Songwriter-Qualitäten der Herren Getz, Lindemann, Weaver und Gould.

Apropos Vinyl: die EP kommt im doch immer wieder ungewohnten und gerade deswegen so coolen 10 Inch-Format. Ach, ich liebe es, wenn Labels oder PR-Agenturen solche Schmuckstücke zum Rezensieren rausrücken!

Also, halten wir es kurz: wenn Euch "Legendary" gefallen hat, dann seid Ihr bei der EP genau richtig. Tolle Musik mit Drang zur großen Bühne. Stark.



Samstag, 23. September 2017

Live in Münster: Nils Wülker

Quelle: nilswuelker.com
(ms) Es folgt der Versuch, das Unaussagbare in Worte zu fassen. Also, klar: alles im Vorhinein zum Scheitern verurteilt. Begriffe, Momente, Empfindungen, Augenblicke und Gefühle dafür in Schriftlichkeit zu verfassen, geht im Prinzip gar nicht. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die überhaupt dazu in der Lage sind. Ulrich Stock gehört dazu. Der hat vor einigen Wochen im ZEITmagazin einen herausragenden Artikel zum Thema Jazz in Deutschland geschrieben. Ich mag diese Wochenzeitung mit ihrer eigenen Zeitschrift, versuche Woche für Woche so viel wie es mir möglich ist davon zu lesen. Geht natürlich nicht; kaum wer hat genügend Zeit (haha) dafür. Den Artikel von Stock verehre ich allerdings, habe ihn mir aufgehoben und schon mehrmals gelesen. Er hat es tatsächlich das umgesetzt, woran ich seit langer Zeit arbeite: Das Gefühl in Sprache zu verwandeln, das ausdrückt, was es bedeutet, von Musik erfasst zu werden. Und das kann der Jazz besser als manch andere Musikrichtung!
Unter Beweis gestellt hat dies am Mittwoch Abend Nils Wülker mit Band im Hot Jazz Club in Münster; diesem herrlichen Kellerclub direkt am Hafen, bei denen sich auch der Besuch bei einigen der unterschiedlichen Partyreihen lohnt!
Wülker also. Das Jazz-Wunderkind und derzeit der erste Name in diesen Landen bei jenem Genre. Man durfte also gespannt sein, wie er sein aktuelles Album On auf die Bühne bringen wird. Geht natürlich nur mit Band, die alle an ihren Instrumenten zu überzeugen wussten; entweder während der einzelnen Stücke oder beim Gitarren-, Bass-, Schlagzeug oder Keyboardsolo, das so interessant war, dass ein Schmunzeln ganz automatisch kam. Logisch, die Qualität an dem Abend war hoch und hat sich unter anderem beim Stück Dawn ausgedrückt, das wirklich ein Sonnenaufgang war: herrlich! Die Erläuterungen von Wülker selbst zu den Songs waren wissenswert und gut platziert. Zum Glück war an diesem Abend auch Rob Summerfield anwesend, der Wieder Gastsänger, der anscheinend ursprünglich aus Münster kommt. Er schaut aus wie der absolute Normalostudent, bringt aber eine Stimme auf die Bühne, die man gerne mit nach Hause nehmen wollte.
Die Musiker haben das Publikum mitgenommen auf eine großartige Reise, die ganz untypisch für den Jazz ist und daher so erfrischend.
Daher: Geht da hin, es wird sich lohnen!

23.09.17 Berlin, Quasimodo
18.10.17 Coesfeld, Theater Coesfeld
01.11.17 Köln, Stadtgarten
02.11.17 Hamburg, Mojo Club
03.11.17 Dortmund, domicil
04.11.17 Nordhausen, Nordhäuser Jazzfest, Theater
05.11.17 Darmstadt, Centralstation

Donnerstag, 21. September 2017

Louka - "Lametta"

Foto: Sophie Kirsche
(ms) Wie macht man eigentlich Karriere im Musikbusiness? Wie schafft man es nach oben, auf die großen Bühnen, oben rein in die Verkaufszahlen, ins Gespräch bei der Arbeit oder beim Feierabendbier? Wie wird man relevant, vielleicht sogar selbst zum Einflussfaktor?
Da wir natürlich alle nur Fans und keine professionellen Musiker sind, müssen wir diese Frage weitergeben. Eine passende Antwortgeberin dieser Tage könnte Louka sein. Die junge Wahlberlinerin bringt am Freitag ihr Debutalbum "Lametta" raus, geht auf große Tour. Über sie haben wir schon berichtet, als sie im Frühjahr ihre EP Flimmern veröffentlichte.
Drei der "alten" Songs haben es auf den Langspieler geschafft, zehn weitere Lieder gesellen sich hinzu und ergeben ein wunderbar harmonisches Gesamtbild. Trotz der ziemlich poppigen Produktion ist es für den nächsten Karriereschritt auch von Vorteil auf gewissen Festivals oder Veranstaltungen zu spielen. Dazu gehört unter anderem das Hanse-Song in Stade; Louka war diesen April dabei! Zudem ist es nie verkehrt eine Plattenfirma wie Four Music im Rücken zu haben, die an der ein oder anderen Schraube drehen können. Zum Beispiel das Spielen und Hören im Radio!
Worum geht es nun in den Texten von Lametta? Sicher nicht um die besten Hommagen an Loriot oder der kongenialen Erfindung von Dittsche - die Lametta-Hose - die im Winter warm ist und in den Sommermonaten erfrischend wirkt.
Es geht gefühlvoll zu, aber nie kitschig. Es geht um innere Stärke, aber es wird nicht therapeutisch. Es geht auch um Liebe und Emotion, aber nicht im Telenovelastil. Gesammelt hat Louka die Basis ihrer Texte in vielen Kladden, von denen sie immer eine mit sich herumträgt und mit wachen Sinnen durch den Tag schreitet, Geschichten, Begegnungen und Gedanken aufschreibt. Aus dieser angewachsenen Bibliothek schöpft sie, um ihre Songs zu formen und verfeinern wie ein guter Koch, pardon, eine gute Köchin.
Neben Lob, welches gleich kommt, gibt es für den Titel Berlin Berlin schon mal eine Watschn. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt, die seit ein paar Jahren mehr nervt als Berlin, auch wenn es als Musikerin nicht blöd ist, dahin zu ziehen.



Wenn ich mit dir bin überzeugt schon mit dem energievollen Beginn für dieses Liebeslied: "Wenn wir uns sehen, geht ein Leuchten auf". Der Song strotzt vor Entschiedenheit, aber auch die Zerbrechlichkeit hinter der rosaroten Brille ist zu erahnen. Bei Outro gibt es einen schönen Soundeffekt zum Ende hin, denn dort ist ein Knacken oder Knistern zu hören, das an das Abheben der Nadel beim Vinylhören erinnert oder das Erreichen der A- oder B-Seite: sehr filigran! Der Refrain von Vorübergehen hat enormes Ohrwurmpotential. Der muss fürs sichere Beherrschen jedoch öfter gehört werden, denn Louka entfaltet hier ihren eigenen Gesangsstil, der von abrupten und unerwarteten Pausen, viel Kraft und Geschmeidigkeit geprägt ist. Regen erinnert an Enno Bungers Hit, denn auch hier ist mit dem nassen Niederschlag von oben eine nachdenklich-melancholische Grundstimmung verbunden: Dennoch oder gerade deswegen sehr schön. Utopia, das vorletzte Lied auf diesem sehr runden und gut abgemischten Album, ist kurz vor Schluss ein toller Höhepunkt. Zerbrechlich wie eine Wunschvorstellung für die Zukunft beginnt auch dieses Lied, bis es im Verlauf ein enorme Vielfalt an Energie, Kraft und Mitreißertum entwickelt.
Lametta ist ein Album, das wie geschaffen ist für diese Jahreszeit!

Louka tourt mit Band bald durch diese Städte und Clubs.
Geht da hin, man darf Großes erwarten:

20.09.17 Leipzig - Täubchenthal
21.09.17 Göttingen - Nörgelbuff
22.09.17 Mainz - Schon Schön
23.09.17 Halle - Objekt 5
24.09.17 Tübingen - Sudhaus
26.09.17 Hannover - Faust / Warenannahme
27.09.17 Saarbrücken - Theater im Viertel
28.09.17 Mannheim - Kino Odeon
29.09.17 Essen - Grend
01.10.17 Köln - Wohngemeinschaft
02.10.17 Düsseldorf - FFT Theater
03.10.2017 Hamburg - Nochtwache
04.10.2017 Berlin - Privatclub
05.10.2017 Erfurt - Museumskeller







PS: Liebe Louka, sorry für den Berlin-Kommentar. Und: Viele sind auf dem Weg nach ganz oben gescheitert.

Montag, 18. September 2017

Angus & Julia Stone - "Snow"

Räkel, räkel; zupf, zupf. Foto: Jennifer Stenglein
(ms) Es gibt ja fast nichts klischeehafteres, als eine Besprechung über eine Geschwisterband mit Geschwisterbands einzuleiten. Also den Bee Gees zum Beispiel. Oder Madsen. Bei den Toten Hosen könnte man es auch denken, aber die haben alle nur den gleichen Vor- und nicht Nachnamen. Deshalb lassen wir das gekonnt und steigen ganz anders ein. Diese Geschichte ist im Jahre 2011 verortet und startet beim Ende des BootBooHook Festivals, das es mal in Hannover gab. Es war ein warmes, bierintensives Wochenende im August mit Art Brut, Get Well Soon und Wir sind Helden. Die größte Aufgabe allerdings bestand darin, mit einem abgefahrenen (also nicht mehr anwesenden) Außenspiegel sonntagnachts über die A2 nach Hause zu fahren. Als nicht so sicherer Autofahrer ist das eine heikle Sache, ging aber gut. Und plötzlich - keine Ahnung, welcher Sender im Radio lief - tönte es wunderschön aus dem Radio. Wir hörten hin und waren sofort ergriffen. Entweder ergab die Moderatorenansage oder die Handysuche, dass es Angus & Julai Stone waren mit dem Lied Black Crow aus dem Album Down The Way. Dieses ist herausragend und liefert unter anderem den Riesenhit Big Jet Plane. In der Zwischenzeit haben die Australier eine weitere Scheibe veröffentlicht. Letzten Freitag (15.09) kam dann der neuste Streich: Snow! Und das im Herbst. Es wäre ein sinnvoller Titel für das furchtbare Weihnachtsgeschäft. Aber nun gut. Wir haben es durchgehört und präsentieren Euch unsere Eindrücke Lied für Lied.

1. Snow
Lässige Gitarre, schönes Elektroschlagzeug und dann "Lalalalala". Es beginnt gut und genauso wie man es sich vorgestellt hat: total entspannt. Dann der Gesang von Julia in sofortiger Antwort ihres Bruders. Ein bisschen mehr Percussion machen diesen verträumten Song im Refrain kombiniert mit leichtem Orgelspiel genau zur richtigen Wahl zur ersten Single: Gut! Keine Wintergefühle.

2. Oakwood
Bei dem Intro will ich ganz schnell und unumwunden am Strand liegen, ein schönes Kaltgetränk dabei genießen und den Wellen bei ihrer Ankunft an der Brandung zusehen. Angus' sonst eher gewollt brüchiger Gesang tritt hier selbstsicher auf, gefällt gut. Der Wechselgesang an sich ist natürlich Teil des ganzen Projekts; hier entfaltet er sich sehr angenehm!

3. Chateau
Zweite Single, ab dafür! Der nach einigen Takten einsetzende und dann treibende Bass-Drum-Beat berechtigt allemale dafür! Julias Säuseln im Hintergrund bringt Rauschzustände beim Hörer zutage. In diesem Schloss kann man sich verirren, schön.
Und klar: Dies ist formvollendeter Pop!

4. Cellar Door
Hier wird es persönlich. Und weil sie halt Schwester und Bruder sind, doppelt persönlich, wenn es um die Beerdigung des Großvaters geht. Was natürlich immer höchstgradig traurig erscheinen mag, hat hier doch einen gar nicht so melancholischen Ton, wie der Text erahnen lässt. Wieso nicht?! Funktioniert gut.

5. Sleep Alone
Sollte man die Band nicht kennen und wie sie sich präsentiert auf Fotos, denkt man schnell: "Ach schön, ein Pärchen macht Musik, wie romantisch." Das suggeriert auch irgendwie der Titel, das Ende einer Beziehung. Da das ja aber alles nicht so ist: Goodbye Gedanke.
Da fragt man sich ja halt auch schnell wie es ist, mit dem Bruder oder der Schwester eine Band aufrecht zu halten, als ob man nicht schon genug miteinander zu tun hat. Seit dem letzten Album schreiben sie ihre Songs gemeinsam und haben dieses Album auch allein produziert. Es scheint ja hervorragend zu harmonieren im Hause Stone.

6. Make It Out Alive
Verspieltes, gezupftes Intro mit dem langsam heranschleichenden Gedanken, ob noch ein richtiger Hit auf dem Album wartet. Die Songs bis jetzt waren schön und angenehm und rund; doch so richtig gezündet hat es noch nicht. Trotz der schönen Basslinie verliert sich dieser Track schnell.

7. Who Do You Think You Are
Nein, nein, das Lied, an das man hier schnell denken mag, heißt "Jar of Hearts". Und das hat leider auch mehr Energie als diese Nummer, obwohl es schön gitarrenpoppig ist.

8. Nothing Else
Ein Song ohne Höhepunkte.

9. My House Our House
Der schöne Chorgesang ab der Hälfte des Tracks gibt richtig Hoffnung. Es ist ein herrliches Lied der Gemeinsamkeit. Es wird sich ideal eignen, am Ende eines Konzerts als Sing-a-Long von den Fans weitersingen zu lassen.

10. Bloodhound
Stimmungsumschwung und der fiese Gedanke, dass sich das Album endgültig festgefahren hat. Hier geht es so unspektakulär zu, dass die Betätigung der Skip-Taste die einzig richtige Entscheidung ist.

11. Baudelaire
Wiederholen will ich mich nicht. Weiter...

12. Sylvester Stallone
Mittlerweile ist es nur noch schön, dass es der letzte Song des Albums ist. Das klingt jetzt wirklich schlimm, aber selten war Musik so belanglos. Es nervt noch nicht einmal und es ist unerklärlich, wieso Rick Rubin sich so sehr für Angus & Julia Stone begeistern konnte.
Mehr muss nicht gesagt werden, keine Conclusio, keine abschließende Wertung, es wurde genug gewertet.

Wer mag, kann sich die beiden hier ansehen:

11.10. Köln - Palladium
13.10. Stuttgart - Hegel-Saal
26.10. Zürich - Samsung Hall
28.10. Genf - Arena
29.10. Wiesbaden - Schlachthof
30.10. Berlin - Columbiahalle
03.11. München - Zenith
05.11. Hamburg - Sporthalle






Freitag, 15. September 2017

RAZZ - Nachtaktive Emsländer

Foto: Nils Lucas
(sb) RAZZ stammen aus dem Emsland, das nicht unbedingt als Wiege der Rockmusik bekannt ist, doch ihr Erstlingswerk "With Your Hands We'll Conquer" ließ darauf schließen, dass die Jungs vorhaben, dies nachhaltig zu ändern. Das war frisch, das war catchy, das war ein leuchtender Hoffnungsschimmer aus dem Norden der Republik. Anfang September erschien nun das zweite Album, der traditionell schwere Nachfolger, namens "Nocturnal" und wir waren natürlich gespannt, ob die Band das hohe Niveau halten konnte. Aber lest selbst...

Als Produzenten holten sich die vier Herren aus Schöninghsdorf direkt mal ein Koryphäe ins Studio: Stephen Street hat in der Vergangenheit unter anderem mit The Smiths, Blur und den Kaiser Chiefs gearbeitet. Von deren Ruhm sind RAZZ natürlich noch meilenwert entfernt, die Ambitionen dazu sind aber auf "Nocturnal" durchaus zu erkennen. Nichtsdestotrotz zündet das Album nicht so, wie ich das erwartet und es mir erhofft hatte. Häufig klingt es ein wenig zu glatt, auch die Stimme von Sänger Niklas Keiser hat mich auf dem Debüt mehr gepackt und klingt diesmal in manchen Passagen erstaunlich ausdruckslos und austauschbar. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Songwriting noch immer stark ist, wobei man sich jetzt schon für das dritte Album etwas mehr Abwechslung wünscht. Ich persönlich empfinde es so, dass man sich aktuell noch zu sehr auf Keisers durchaus bemerkenswerte Sangeskunst und dessen Charisma (sollte man sich live nicht entgehen lassen) verlässt und sich dessen gar nicht bewusst ist, dass auch die anderen drei Musiker verdammt viel auf dem Kasten haben.

War "With Your Hands We'll Conquer" noch eine ziemlich straighte Rockscheibe, so nehmen diesmal elektronische Elemente für meinen Geschmack etwas zu sehr Überhand. Ist das der Zeitgeist? Eine Spielerei? Und überhaupt: Brauchts des? Ich sehe darin keine Erweiterung des musikalischen Spektrums, sondern eher eine Verschwendung des ohne Zweifel vorhandenen Rockpotenzials der Emsländer. Wenn ich vorher geschrieben habe, ich wünsche mir mehr Abwechslung, dann möchte ich hiermit klarstellen: elektronische Elemente in dieser Masse sind damit nicht gemeint.

Zugegebenermaßen klingt das jetzt alles sehr viel negativer als gewünscht, das liegt aber wohl daran, dass meine Erwartungen nach dem herausragenden Debütalbum extrem hoch waren. Somit möchte ich nochmal klarstellen: "Nocturnal" ist eine durchaus hörenswerte Scheibe, die im Vergleich zu vielen anderen Veröffentlichungen, die ich den vergangenen Wochen hören durfte, absolut positiv heraussticht, aber eben leider nicht ans Vorgängeralbum heranreicht, weil sich RAZZ aus meiner Sicht nicht ausreichend ihrer Stärken bedienen.

Live dürfte das Ganze aber dennoch gewohnt ziemlich geil werden, also hin da:

22.09.17 Reeperbahnfestival, Hamburg, DE
14.10.17 Fibbers, York, UK
21.11.17 Phönixhalle, Dortmund, DE (Support von Mando Diao)
22.11.17 Gleis 22, Münster, DE
23.11.17 Columbiahalle, Berlin, DE (Support von Mando Diao)
24.11.17 Palladium, Köln, DE (Support von Mando Diao)
25.11.17 Sporthalle, Hamburg, DE (Support von Mando Diao)
29.11.17 Zenith, München, DE (Support von Mando Diao)
30.11.17 Kulturladen, Konstanz, DE
01.12.17 Schlachthof, Wiesbaden, DE (Support von Mando Diao)
02.12.17 Kantine, Augsburg, DE
05.12.17 Club Stereo, Nürnberg, DE
07.12.17 Orpheum, Graz, AT
09.12.17 Täubchenthal, Leipzig, DE
10.12.17 Groove Station, Dresden, DE
11.12.17 Kalif Storch, Erfurt, DE
12.12.17 Bebel, Cottbus, DE
05.01.18 Helgas Stadtpalast, Rostock, DE
06.01.18 Orange Club, Kiel, DE
07.01.18 Knust, Hamburg, DE
08.01.18 Bei Chez Heinz, Hannover, DE
10.01.18 The Tube, Düsseldorf, DE
11.01.18 EXIL Rock-Musik-Club, Göttingen, DE
12.01.18 Kammgarn, Kaiserslautern, DE
13.01.18 Kellerclub, Stuttgart, DE
14.01.18 FZW, Dortmund, DE
16.01.18 Atomino, Chemnitz, DE
17.01.18 Theater in der grünen Zitadelle, Magdeburg, DE
18.01.18 Lagerhalle, Osnabrück, DE
19.01.18 Tower, Bremen, DE
23.01.18 B 72, Wien, AT
24.01.18 Ampere, München, DE
25.01.18 Dynamo Werk 21, Zürich, CH
26.01.18 Jazzhaus, Freiburg, DE
27.01.18 Stadtmitte, Karlsruhe, DE
29.01.18 Zoom, Frankfurt/Main, DE
30.01.18 Zeche Carl, Essen, DE
31.01.18 Halle02 Club. Heidelberg, DE
01.02.18 Luxor, Köln, DE