Mittwoch, 12. Juli 2017

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Carsten Friedrichs macht einfach weiter so. Zum Glück!

It's okay to love them. Foto: Stefan Malzkorn.
(ms) Superpunk ist tot. Lang lebe Superpunk.
Ja, das ist ein platter Einstieg in diesen Text, aber er halt auch so wahr und Carsten Friedrichs hat diesen Satz oder einen, der das gleiche meint mit großer Wahrscheinlichkeit schon hundert Mal gehört. Nun unterscheidet sich der Sound und die Textebene seiner beiden Bands kaum, daher ist dieser Einstieg schon gerechtfertigt.
Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen bekommen nicht nur einen Preis für ihren großartigen Namen, sondern auch für das neue Album, das auf den Titel "It's Okay To Love DLDGG" hört. Und es ist nicht nur okay, es ist vollkommen angebracht diese Band tief ins Herz zu schließen. Für ihren Sprachwitz, die tolle Eingängigkeit (bitte hier im allerbesten Sinne verstehen) und das Talent kleine Geschichten in große Songs zu verwandeln. Und auf der neuen Scheibe tummeln sich elf Stück, die so kurzweilig sind, dass der Hörer gezwungen ist, die immer und immer wieder zu hören, bis auch der letzte Refrain auswendig gelernt ist. Und nicht nur gefühlt kurzweilig, das Album geht gerade mal etwas länger als eine halbe Stunde, brilliert mit Saxophonmelodien, Chorgesang, Hooklines ohne Ende, die den Hörer in schiere gute Laune versetzen von ganz allein.
Dafür sind die Kürze der Songs verantwortlich und die grandiosen Geschichten, die Friedrichs erzählt. Zum Beispiel von Eis-Gerd, der einen kleinen Tante Emma-Laden hatte, wo es neben Eis (logisch...) Gummitiere und Frikadellen auch Schnaps und Bier gibt. Das Klo eignet sich halt auch, um eine Line Speed zu nehmen, der Eigentümer bekommt davon nichts mit. Jeder - ja wirklich jeder - kennt so einen Laden. Beim Verfasser war ein ein kleiner Bäcker auf dem Schulweg, wo Haribo-Tüten für ein paar Pfennig zusammengestellt wurden; ein herrlicher Schabernack (ohne Speed-Konsum selbstredend).
Ganz selbstironisch mit "Bababababa"-Mitsinglinien geht es bei der "Ballade von der Band" zu: "Die Bassanlage, sie ist so schwer, die Treppe hoch und die Bandkasse leer." Traurig-romantische Wahrheit einer jeden Musikgruppe.
Der große Höhepunkt wird dann bei "Der große Kölner Pfandflaschenbetrug" ausgerufen. Der schräge und wahnsinnig unterhaltsame Song geht auf eine wahre Begebenheit zurück: Ein 37-jähriger Mann hat einen Pfandautomaten manipuliert, ein und dieselbe Flasche 177.451 Mal hindurchlaufen lassen und so gut 45.000€ erwirtschaftet. Was sich genial liest, hört sich von den Gentlemen noch viel besser an. Repeat ist hier angesagt, denn das Gepfeife in der Mitte ist ein spitzenmäßiger Gutelauneohrwurm!

So kann man sich freuen, wenn die fünf Herren im Herbst endlich wieder auf Tour gehen. Liebe Leser, geht hin, es wird ein großes Fest, denn "It's Okay To Love DLDGG" ist ein unglaubliches Album!

14.07.17 Hamburg - Hafenklang
15.07.17 Berlin - Monarch
13.09.17 Bielefeld - Nr.z.P.
14.09.17 Hannover - Bei Chez Heinz
15.09.17 Köln - Gebäude 9
16.09.17 Wolfsburg - Saunaclub
29.09.17 Leipzig - Naumanns im Felsenkeller
30.09.17 Mainz - Schon Schön
01.10.17 Karlsruhe - KOHI
02.10.17 Stuttgart - Goldmarks
12.10.17 Düsseldorf - Tube
13.10.17 Aachen - Raststätte
14.10.17 Münster - Gleis 22



Montag, 10. Juli 2017

Sei ein FABER im Wind

Quelle: http://www.fabersingt.com
Copyright: Stefan Braunbarth
(sf) PR-Agenturen und Labels haben es nicht immer leicht. Zu jedem Release muss es einen PR-Text geben, der den Medien das neue Werk des Künstlers schmackhaft machen soll. Oft ist das bestimmt alles andere als leicht, wenn die Musik einfach nicht sonderlich gut ist, gelegentlich stockt aber auch die PR-Maschinerie und spuckt inhaltlose Phrasen, platte Attitüden und ziemlichen Schwachsinn aus. Anders bei FABER: hier stimmt nicht nur das Produkt (dazu gleich mehr), sondern auch die Bewerbung seitens Vertigo. Ein Traum zum Hören und Lesen!

Auf seinem Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ verwandelt der Zürcher Songschreiber FABER vermeintlich Profanes in Wahrhaftigkeit. FABER ist keiner, der über das Leben singen würde, ohne überhaupt gelebt zu haben. Wie erfrischend doch ein Album ist, das mit folgenden Worten beginnt: „Es ist so schön, dass es mich gibt“, also Musik, die sagt: Erzähl mir doch nix! Infantile Poesiealbum-Weisheiten, Kalenderblattphilosophie, die Geschwätzigkeit der sozialen Netzwerke – alles Humbug! „Bleib Dir nicht treu“, „Sei niemals Du selbst“ und vor allem „Halt Dich an keiner Regel fest“. Insofern ist es sehr gut, dass es dieses Album nun gibt: „Sei ein Faber im Wind“ enthält alle zitierten Zeilen und noch viel mehr. und ja, es ist schön, dass es FABER gibt, denn so etwas hat man lange nicht gehört und ich habe mich schon gefragt. ob ich das nächste große deutschsprachige Songwriter-Ding noch erleben darf. Die Antwort ist "ja": dies ein Affront gegen die Verbrämung von Sprache in schmutzigen Zeiten und von A bis Z fantastisch.

FABER singt „ficken“ und „blasen“, er nennt einen Song „Brüstebeinearschgesicht“ und lässt die Protagonistin „im Stehen pissen“. Ganz klar: FABER ist keiner für Leute, die bei Faber an Sekt denken und Max Frisch nie gelesen haben.
 
Doch der Reihe nach. Schon immer hatte FABER eine ganz genaue Vorstellung, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Der 23-jährige Musiker ist italienischer Abstammung, wuchs aber in Zürich auf. Bereits der Vater machte Musik, aber die in der Schweiz weit verbreitete musikalische Früherziehung interessierte den jungen FABER nicht. Er wollte lieber gleich was Richtiges machen. Ungefähr mit 15 begann er eigene Songs zu schreiben. Die erste EP finanzierte er noch mit Crowdfunding, ein Jahr später folgte bereits eine zweite und dann ging immer schneller. Für das erste Album begibt er sich schließlich mit Tim Tautorat in die legendären Berliner Hansa Studios, wo der Produzent ein Studio unterhält. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit – „Sei ein Faber im Wind“ – bringt nun erstmals alles auf den Punkt, worum es in dieser Musik geht, und das ist eine ganze Menge.
Quelle: http://www.fabersingt.com

FABER ist mit sizilianischen Volksliedern aufgewachsen, er liebt Trubai, die coolen Chanson-Franzosen, Polka, aber auch Folk und Nuancen aus den alten amerikanischen Stilen. Man denkt an Francesco Paolo Frontini, Jacques Brel, Georges Moustaki oder an Fabrizio de André, dessen Spitzname ebenfalls „Faber“ war. Das Verdienst des Fabers, um den es hier geht, ist nun, dass er all diesen Einflüssen die distinguierte Rotweinseligkeit austreibt und sie auf die Straße zerrt, wo sie herkommen und hingehören.

Auf „Sei ein Faber im Wind“ geht es immer um absolut alles und irgendwie auch um nichts, weil manchmal ja alles so herrlich egal sein kann. Man fühlt sich erinnert an österreichische Szenegrößen wie Nino aus Wien, doch der Schweizer geht noch einen Schritt weiter. Wir hören Posaunen und Gitarren und Geigen und ein Klavier und vor allem hören wir diese Stimme. FABER singt seine Lieder mit einem gewaltigen Furor und maximaler Hingabe. In „Nichts“ singt er über Nostalgie und Besserwisserei als einzig verbliebende Währungen des neidzerfressenden Biedermanns. „Es könnte schöner sein“ beschreibt wiederum die Spießigkeit der Neo-Biedermeier-Millenials: „Du rebellierst, du bist dagegen - iImmer wenn’s zur Stimmung passt“.

FABER lässt jenen scharfen Blick mit lakonischer Lässigkeit in seine Texte einfließen, aus dem Wahrhaftigkeit entsteht. Er ist gerade einmal 23, klingt und schreibt aber wie ein 50-Jähriger - und die jungen Alten sind natürlich die besten Alten, die wir haben. Anders ausgedrückt (und ich wiederhole mich hier gerne): FABER ist keiner, der über das Leben singen würde, ohne überhaupt gelebt zu haben. Das macht seine Musik so wertvoll. Also sei ein Einhorn und nicht du selbst. Und wenn du kein Einhorn sein kannst, sei ein „Faber im Wind“.

Und wenn Du dieses Jahr nur fünf Alben kaufst, dann stelle sicher, dass dies eins davon ist, denn dieses Werk ist grandios, hat was zu erzählen, ist textlich und melodisch in der Champions League anzusiedeln und Du kannst irgendwann behaupten: Ich verfolge den großen FABER schon seit seinem Debüt. Also geh raus, besuche den Plattendealer Deines Vertrauens und kauf das Ding – Du wirst es nicht bereuen!

Bitte verpasst FABER auch live nicht; die Termine findet Ihr u.a. auf seiner Homepage und zwar genau hier!







Freitag, 7. Juli 2017

Sondaschule - "Schere, Stein, Papier"

Die Sondaschule auf Streifzug. Foto: Bastian Harting
(ms) Wir kommen ohne Umschweife, ohne Vorgeplänkel direkt zur Band: Sondaschule. Sie kommen aus Mühlheim an der Ruhr, eine Stadt, durch die man lieber durch fährt. Ruhrpottromantik können sicherlich nur die fühlen, die darin fest verwurzelt sind. Genau das sind die sechs Herren trotz vieler Wechsel in der Konstellation. Sänger Tim Kleinrensing und Gitarrist Mirko Klautmann sind das Herzstück der Ska-Punker.
Als Stammgast des Open Flair Festivals, haben sie dem Verfasser schon oftmals bewiesen, wie sie die Meute zum tanzen, grölen, abgehen bringt. Das auch schon mal Sonntagmittags vor circa 10.000 Leuten, die vom Vortag noch zerstört sind. Ein, zwei, drei Reparaturseidl genügen, um zu den Spaßpunkern wieder aufgetankt zu sein.
Nun mag genau das der größte Vor- und Nachteil dieser Band sein; der Spaßaspekt. "Mein Penis" oder "Dumm aber Glücklich" sind Stimmungsgaranten. Der Rest des Bandrepertoires?! Keine Ahnung.
Nun bringen sie am 7. Juli ihr neues Album auf den Markt, das auf den Namen "Schere, Stein, Papier" hört. Wir haben die Scheibe durchgehört.



Und, was soll man sagen?!
Neben dem relativ beliebig klingenden Titel des Albums ist es ein zweischneidiges Schwert: Größtenteils plätschern die Lieder vor sich hin, dass es sich ganz übel zieht. Auf der anderen Seite versuchen sich die Mühlheimer sich vom oben genannten Party-Image zu emanzipieren und ihren Songs ein politischeres Fundament zu verpassen. Das gelingt nur nebenbei aber immerhin passend zum heute beginnenden G20-Gipfel in der nördlichen Hansestadt.
Hier ein kleiner Blick auf die Platte mit den besten und schlimmsten Zitaten:
Zu Beginn die Single und Kiffer-Hommage an Holland: "Komm mach mit, schieß dich hoch auf unsere Wolke, ach du schönes Amsterdam-dam-dam..." (Amsterdam). Trotz des ziemlich platten Textes ist Waffenschein bei ALDI ein Song mit ordentlich Wumms, ich sehe mich in der Crowd, wo sich gerade mein voller Bierbecher in die Höhe verabschiedet... Lang habe ich mich beim Titeltrack gefragt, wo die Schwäche liegt und dabei ist herausgekommen, dass es das Gesamtbild des Liedes ist: gähnende Gitarren, ein müder Text, der nicht mal von den schönen Bläsern zum Ende hin abgelöst wird. Mond hat einen feinen Reggae-Riff, der zum Ende hin gitarrenschwer aufgehoben wird; sehr stark und glänzt halbromantisch: "Dunkle Schatten und Gespenster, ich bin dein kleiner Hui-Buh; du siehst so gut aus am Fenster, mach' den Vorhang noch nicht zu."
Ostberlin fasst die aktuellen politischen Strömungen gut zusammen und sollte vor den Hamburger Messehallen laut ertönen, auch wenn die Mundharmonika schlimm an Reinhard May erinnert! Darauf ist Arschlochmensch eine schlimme postpubertäre Nummer: "Hallo Arschlochmensch, es wär' schön wenn du jetzt wieder gehst, sonst wünsch' ich  Weihnachten, dass du nicht mehr lange lebst."
"Schieb' die Wolken zur Seite, such Gold in der Scheiße" aus Gold schließt sich daran nahtlos an, obwohl auch hier der Riff wieder zu überzeugen weiß!
Folgendes aus Nicht immer leicht lassen wir mal so stehen: "Du bist zwar nicht gerade einfach, und manchmal echt ein Idiot, doch wenn der Aufzug mich nach unten reißt, fährst du ihn immer wieder hoch."

Wahrscheinlich darf man von Sondaschule auch nicht den großen Wurf erwarten, weder musikalisch noch textlich. Die Platte kann man wunderbar mit Freunden bei mehreren Bier hören. Unter diesen Umständen ist sie sicherlich auch entstanden.
Bei aller Kritik an den Liedern sind sie live - wie schon erwähnt - hervorragend.
Daher bitte hier ansehen:

08.07.2017 Theley - Volcano Festival
21.07.2017 Dieburg - Traffic Jam
22.07.2017 Dieburg - Traffic Jam
05.08.2017 Hannover - Fährmannsfest
09.09.2017 SONDASCHULE OPEN AIR - Gelsenkirchen - Amphitheater
27.10.2017 Wiesbaden - Schlachthof
28.10.2017 Hamburg - Gruenspan
29.10.2017 Berlin, SO36 
30.10.2017 Leipzig - Conne Island
31.10.2017 Nürnberg - Hirsch
02.11.2017 Stuttgart - Im Wizemann
03.11.2017 München - Technikum
04.11.2017 Wien - Flex Cafe
22.11.2017 Hannover - Faust
23.11.2017 Bremen - Lagerhaus
24.11.2017 Osnabrück - Kleine Freiheit

Freitag, 30. Juni 2017

The Telescopes - As Light Return



 (sf) „Was ist das denn? Ist der CD-Player kaputt?“ So ungefähr war die Reaktion meiner Frau, als sie das Wohnzimmer betrat, wo ich gerade „As Light Return“, das neue Album von The Telescopes probehörte. Zu diesem Zeitpunkt (Mitte des Openers „You Can’t Reach What You Hunger“) war ich mir auch noch nicht ganz sicher, ob ihre Diagnose des Zustands unserer Stereoanlage zutreffend sein, jetzt weiß ich: Anlage okay, CD und Sound gehören so. Meine Frau wird sicher kein Fan der Band um Mastermind Stephen Lawrie, ich hingegen bin schon ein wenig fasziniert, wobei man sich schon darüber im Klaren sein muss, dass Freunde gepflegter Melodien hier nicht auf ihre Kosten kommen werden. Wer jedoch offen für Experimente und abgefahrene Songstrukturen ist: das ist genau Euer Ding!

Kreischendes Gitarren-Feedback schwillt an und schwillt ab, fräst sich durch dicht gewobene Schichten aus vielfach verzerrten Frequenzen. Obertöne schwirren hierhin und dorthin, überlagern einander und vereinigen sich auf einem Teppich aus Weißem Rauschen. Im Auge des Sturms ertönt Lawries Stimme, ruhig, wie abgespalten von all dem Getöse. Er stimmt seinen leisen, fast Trance-artigen Gesang an, beinahe überwältigt vom Sound der Instrumente. Die Worte sind kaum zu verstehen. „Ich möchte eigentlich jedes Mal eine Hörerfahrung erschaffen, die den Bereich des Üblichen erweitert. So wie ich es sehe, gibt es keine Eindeutigkeit. Diese Welt ist mehrdeutig, und das spiegelt sich auch in meinen Inspirationen wider. Die Eindrücke, die daraus entstehen, erlangen für jeden Zuhörer eine eigene, individuelle Bedeutung.“

„As Light Return“ – so lautet der Titel des neunten Albums der Telescopes. Die Band, 1987 von Lawrie gegründet, hat im Lauf der Zeit unterschiedliche Phasen durchlaufen. Die Liste der Mitglieder und der engen Vertrauten ist lang. Doch das einzige wirklich konstante Mitglied der Telescopes ist Stephen Lawrie persönlich. An diesem Album – aufgenommen im bekannten Riverside Music Complex in Glasgow – sind zum Beispiel wieder einmal Mitglieder der Band St Deluxe als tatkräftige Unterstützer beteiligt. So ist der permanente Wechsel mittlerweile zum Bestandteil des Konzeptes geworden. „Es verändert sich von Live-Performance zu Live-Performance und bei fast jeder Aufnahme. Im Moment arbeite ich an einem Album, wo ich alles selbst mache. Ich spiele viele Live-Shows mit dem Schlagzeuger und dem Bassisten der Koolaid Electric Company, und dann nehmen wir uns unterschiedliche Gitarristen dazu, manchmal nur einen, manchmal können es aber auch bis zu acht sein. Aber gelegentlich spiele ich auch mit einer völlig anderen Besetzung oder trete ganz alleine auf, akustisch oder mit einer Noise-Show.“

Wie schon das 2015er-Album „Hidden Fields“ erscheint auch „As Light Return“ beim Hamburger Label Tapete Records und klingt ähnlich ausgewogen wie sein Vorgänger. Es mäandert souverän zwischen Song-basierten Noise-Strukturen und ungezügeltem Impressionismus. Dennoch bietet es Hörerlebnisse, wie es sie bislang im Werk der Telescopes nicht gab – und auch sonst dürfte so experimentelle Klänge eher selten sein. „Jedes meiner Alben unterscheidet sich von den anderen, jedes ist einzigartig und unvergleichlich. Man könnte vielleicht sagen, dass das Haus der Telescopes viele Zimmer hat, und dass dieses Album – genau wie das letzte – nicht nur auf ein Zimmer beschränkt ist. Vielmehr wirft es gewissermaßen einen Blick in jeden Raum. Allerdings sind die Themen, trotz des optimistisch klingenden Albumtitels, dieses Mal sehr viel düsterer als auf Hidden Fields.“ Tracks wie „You Can’t Reach What You Hunger“, „Hand Full Of Ashes“ oder das vierzehn Minuten lange Schlussstück mit dem Titel “Handfull Of Ashes” (Achtung, Verwechslungsgefahr!), sie alle scheinen eine intuitive Weisheit zu vermitteln, die der Hörer zunächst einmal entschlüsseln muss. „Mein Interesse gilt vor allem der menschlichen Natur. Es kommt vor, dass ich mich mit einem ganz bestimmten Thema befasse, um darüber zu schreiben, und dann feststelle, dass der Grundgedanke sich im Prinzip auch auf völlig andere Themen anwenden lässt. Ich könnte jeden einzelnen Song auseinandernehmen und die Gedanken hinter jeder Textzeile und jeder musikalischen Entscheidung erläutern, aber das wäre ein zu großer Eingriff in die persönliche Beziehung der Hörer zu den Stücken. Das wäre mir zu nüchtern.“

Seit dreißig Jahren folgt Stephen Lawrie seiner einzigartigen, künstlerischen Vision, und er tut dies heute mit einer Klarheit wie nie zuvor. „Anfang der Neunziger hatten die Leute in meiner Umgebung vor allem eines im Sinn: Nämlich, ob mein nächster Song ein Hit wird oder nicht. Aus heutiger Sicht ist natürlich klar, dass es den Telescopes niemals darum gegangen ist, aber damals hat mich das ziemlich abgelenkt, und es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich diesen Anspruch abschütteln konnte. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, das, was mich wirklich inspiriert, die Quelle meiner schöpferischen Energie, im Blick zu behalten, und zwar ohne Kompromisse.“

Diese Songs scheren sich nicht um Konventionalitäten. Diese Musik besitzt eine unmittelbare Kraft. Der Hörer betritt ein riesiges Sound-Universum und kann darin seine eigenen, persönlichen Koordinaten wählen. „Wenn wir die Dinge um uns herum verbessern wollen, dann müssen wir sie zunächst von innen heraus verbessern.“

„As Light Return“ – Songs aus der verheerenden Leere. Muss man mögen. Kann man mögen. Auch wenns einem mitunter schon arg schwer gemacht wird…


 


Donnerstag, 22. Juni 2017

Ich knie nieder: Tall Ships' Album "Impressions"

Quelle: soundcloud.com
(ms) Diese Geschichte nahm seinen Lauf im Winter vor fünf Jahren. Dort spielten die großen Nada Surf - ich werde sie immer verehren - in Bochum. Der Weg war nicht zu weit, ich war da und genoss einen unvergesslichen Abend. Das lag aber nicht nur den den drei Übersympathen aus New York.
Vier andere spielten dabei die größere Rolle. Sie kommen aus Brighton und nennen sich Tall Ships. Sucht man die Band bei Google, findet man seitenweise große Segelschiffe: logisch. Als Musiknerd erkundigt man sich natürlich, was die Vorband aus dem Königreich so kann und ich fand das Lied mit dem einprägsamen Titel "T = 0". Es ist bis heute eines der wuchtigsten Songs, die ich je gehört habe. Stöbert man bei ihrer Musik ein wenig weiter, denkt man schnell an die Editors, die zu jener Zeit einen ähnlichen Stil verfolgten. Aus Nostalgiegründen legte ich vor kurzem ihr aktuelles Werk "In Dream" nochmal ein und habe mich gewundert, wie wenig es mir gibt. Der Glanz von "Smokers Outside The Hospital Doors" oder "Munich" ist längst verblasst. In diese Lücke rücken Tall Ships ein ohne es sicher je gewollt zu haben. Und - ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster - überstrahlen mit ihrem neuen Album "Impressions" vieles, das die Editors je herausgebracht haben.
Fünf Jahre haben die vier Briten sich Zeit gelassen, um an ihrem zweiten Werk zu schrauben. Jeder Tag war es wert, den sie daran gearbeitet haben. Es sind zwar "nur" neun Songs dabei herausgekommen, die in ihre Momenten hingegen so sehr glänzen, vor Energie strotzen und phasenweise irre nah ans Herz gehen.
Die damalige Vorband habe ich irgendwie zwischendurch aus den Augen und den Ohren verloren, wie es so oft passiert. Anfang des Jahres stolperte ich über die Ankündigung des Zweitlings und die Vorfreude stieg und stieg: Veröffentlichung Ende März, zwei Wochen Lieferzeit, noch mehr Zeit um in die Melodien einzutauchen und das Ergebnis dessen nun endlich in Worte zu fassen. Gut Ding hat Weile.
So sammeln sich auf den neun Stücken Textfragmente, die sich ohne Weiteres eignen, sich auf prominente Stellen am Körper zu tätowieren, man wird es nicht bereuen.
"Lucille" ist so ein herrlich melancholisches Lied über das Ende einer Beziehung und der Protagonist zerbricht beinahe an der anschließenden Einsamkeit. Doch das Herzstück ist "Meditations On Loss". Was für ein Hit, was für ein Song. Es behandelt die Auseinandersetzung mit Versprechen, die einem spirituelle oder religiöse Angebote machen und erinnert inhaltlich an Kettcars Bonmot "Ich mag den Gedanken an etwas zu glauben, doch ich bin nicht gläubig". Die Kraft im Refrain ist kaum auszuhalten und gepaart wird dies mit einem bildgewaltigen Video; es ist ohne Umschweife (und wie hier ja unschwer zu erkennen ist) ein heißer Kandidat meiner Top-5-Song-für-immer. Allein dafür und für den herrlich treibenden Bass lohnt die Anschaffung von "Impressions".
Der Bruch zum Lied danach ist groß, inhaltlich und auch musikalisch. Denn es geht ruhig mit sphärischen Klangwänden und einem langsam pulsierenden Schlagzeug um den Tod, den Verlust eines lieben Menschen, eine bewegende Beerdigung. Enden tut das Album mit einer Hymne auf das Leben, "Day by Day": "'Cos With Only One Life There Is No Room For Regrets."
Ich bin hin und weg, völlig erlegen, seit Langem nicht so gepackt worden von einer Platte. Vielen Dank dafür, Tall Ships!








Dienstag, 20. Juni 2017

Entspannt durch die Hitze mit: Soft Ride

Soft Ride. Foto: Linn Frøkedal.
(ms) "In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung", sagte einst der von uns sehr geschätzte Bernd Begemann. Und es stimmt: Städte an einem See oder am Meer sogar - oder etwas provinzieller - mit einem Flüsschen bieten unglaublich viel mehr Lebensqualität als jene ohne. Also erscheint es als unglaublich logisch, eben dort die sehr warmen bis heißen Tage in der Freizeit zu verbringen und genießen. Was braucht es noch?! Klar, die richtigen Leute, mit denen man diese Momente vollends genießen kann. Ins kühle Nass zu springen, um sich die lohnenswerte Abkühlung zu gönnen - das funktioniert auch herausragend an künstlich angelegten Kanälen, auch wenn es da mehr geduldet als erlaubt ist: Egal! Die Frage "Wer bringt den Grill mit?" kommt dann ganz von allein und alle sind dem Grillmitbringer extrem dankbar, dass er sich erbarmt hat. Die herumlungernde Meute will immerhin gesättigt werden. Damit haben wir schon die wesentlichen Kriterien für den perfekten Tag.
Fehlt noch was?! Genau!
Die richtige Musik.
Und die kommt in diesem Sommer aus dem hohen Norden, aus Norwegen. Von Soft Ride. Dahinter stecken Arne Hakôn Tjelle und Øystein Braut, die mit ihren je eigenen Bands schon lokal erfolgreich waren, sogar hier mit Kakkmaddafakka auf Tour gewesen sind. Nun haben sie sich zusammengetan und ein brutal entspanntes Album aufgenommen, das auf den Namen "Burgundy" hört. Darauf sammeln sich zehn Tracks, die nicht nur zum Faulenzen in der Sonne anregen, sondern dazu bestimmt sind. Als ob sie genau für diesen Moment kreiert worden sind. Es sind im Wesentlichen Lieder, die Folk, Pop, Country und leicht psychedelische Elemente miteinander vereinen. Es ist ein Soft Ride, ganz gemächlich, ganz wunderbar.
Erste Erfolge haben sie in Oslo und Bergen bereits verzeichnet und in ausverkauften Häusern gespielt. Nun wollen sie die skandinavisch schlagenden Herzen hierzulande erobern. Mit Songs wie "Won't Stop", "Light The Laterns" oder "The Sun In Her Eyes" gelingt es ihnen ohne Komplikationen.
Ja, sie mögen etwas eingängig klingen, doch machen Braut und Tjelle dies zu ihrer Stärke und ziehen die sonnen-trunkene Hörerschaft in ihren Bann: Funktioniert hervorragend!
Es erscheint diesen Freitag bei Apollon Records.
Holt es Euch und genießt weiter den Sommer!



Montag, 19. Juni 2017

Ein Wochenende Eskapismus: Traumzeit Festival 2017

Amander Palmer und Edward Ka-Spel: Herausragend. Foto: luserlounge
(ms) Der Besuch eines Festivals ist auch immer eine persönliche Geschichte und diese wird nicht objektiv ausfallen; zum Glück aller Beteiligten. In den letzten vier Jahren war ich also schon beim Traumzeit Festival im Landschaftspark Nord in Duisburg; eine Stadt, die wegen Stadtteilen wie Marxloh, immer in etwas düsterem Licht erscheint.
An diesem Wochenende im Juni hat nicht nur das Wetter sehr gut mitgespielt, um das Gelände in eine faszinierende Flaniermeile zu verwandeln, sondern auch die zum Teil außergewöhnlich guten Bands und das sehr entspannte Publikum. Dieses wurde bei dieser Ausgabe vom äußerst feinen Händchen der Bookingabteilung so stark angezogen wie in den letzten Jahren kaum. Dafür verantwortlich waren unter anderem die Auftritte von Tom Odell, Milky Chance, Alice Merton, Amander Palmer und Edward Ka-Spel und dem allerletzten Gig der Kilians, die aus dem wenig entfernten Dinslaken kommen. So waren der Samstag und Sonntag ausverkauft. Das freut den Verfasser besonders, der in den letzten beiden Jahren den Eindruck nicht loswurde, dass die Besucherzahlen sinken würden.
Im zweiten Jahr hintereinander wurde nun die Kraftzentrale nicht bespielt und dafür auf dem Cowperplatz eine Bühne installiert, was sich als gute Idee herausstellte, insbesondere bei den höheren Temperaturen draußen zu bleiben. Denn bei einzelnen Gigs in der Gebläsehalle wurde es auch schnell warm.
Änderung in der Organisation und im Booking haben dem Traumzeit Festival ein tolles neues Gesicht verpasst und noch andere Besucherkreise angelockt, die es mit viel Applaus, stillem Zuhören, ausgiebigem Tanz und dem Einlassen auf Unbekanntes zurückgezahlt haben. Namen wie Mario Batkovic, The Lytics, Mammal Hands oder Fererico Albanese sind im Vorhinein sicher nicht allen geläufig gewesen. Da es kaum Überschneidungen der Spielzeiten gab, blieb viel wertvolle Zeit, sich treiben zu lassen und Neues kennenzulernen.
So fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse des Wochenendes zusammen:

  • Wenn der Knappenchor Homberg mit einem geschätzten Durchschnittsalter von 81 aus voller Kehle das Steigerlied singt und dafür ausartenden Applaus bekommen, können Tränen in die Augen steigen.
  • Woher hat Jesper Munk denn diese abgefahren geniale, verrauchte Tom Waits-ähnliche Stimme? Trotz gerissener Seite hat er mit seiner Band und schierem Können zu begeistern gewusst!
  • Absolutes Highlight: Helgi Jonsson und Tina Dico in der Geläsehalle! Schwer für diesen Auftritt Worte zu finden: Gefühlsdicht, fein, laut, perfekt harmonisch...? Alles richtig!
  • Persönlicher Glücksfall: Endlich mal Why? gesehen zu haben. Seit Jahren verfolge ich das Wirken von Yoni Wolf; das neue Album ist auf Platte äußerst schwer zugänglich, live waren sie genial. Sympathisch: Der Bassist trug ein Gleis22-T-Shirt!
  • Von Wegen Lisbeth sind ein übler Mix aus AnnenMayKantereit, Bilderbuch und Anajo. Ist klar, dass das funktioniert, nervt aber brutal!
  • Absolutes Highlight 2: Amander Palmer und Edward Ka-Spel. Ich kannte beide vorher nicht, die Dresden Dolls nur vom Namen her. Was sie zu zweit mit ihrem Violinisten fabriziert haben, ließ die Nackenhaare aufstellen, so düster, phänomenal, erstaunlich war die Performance.
  • Tom Odell bewies live, dass er kein One-Hit-Wonder ("Another Love") ist.
  • The Lytics aus Kanada waren der einzige HipHop-Act auf dem Festival und wussten sehr gut, wie man die Zuhörer in einer Dreiviertelstunde für sich gewinnen kann. Hut ab!
  • Giant Rooks: Dürfen die nach 18 Uhr überhaupt auftreten? Die sind gefühlt ja alle 16 oder 17. Dafür hat der Sänger aber eine extrem reife Stimme und die Freude auf ihren Gesichtern beim vollen Cowperplatz war nicht gespielt, der Auftritt sehr stark!
  • Bukahara: Jeder, der die Band schon mal gesehen hat, weiß was sie können. Der Mix aus Balkan- und arabischem Sound, gepaart mit tanzbarem Folk lässt die Masse eskalieren.
  • Stefan Honig hat mit Freunden sein einziges Solo-Konzert dieses Jahr gespielt, neues Material vorgestellt, sodass die Standing Ovations absolut logisch waren. Absolut sympathischer Typ, der das Spiel auf der Guitarlele zu perfektionieren und die Leute zu unterhalten weiß. Vielstimmiges Mitsingen bei "Golden Circle" und "Those Lost At Sea". Top!
  • Milky Chance boten zwar den Abschluss, doch andere Bands (s.o.) wussten mehr zu begeistern. Außerdem haben die Kasseler stark mit Effekten und Sounds aus der Dose gespielt: haben sie nicht nötig.
Oh man, Traumzeit Festival!
Auch an dem Tag danach bin ich noch ganz aus dem Häuschen und schwelge in den Eindrücken aus dem Industriepark. Die Organisatoren wissen zu überraschen mit den verpflichteten Acts. Und dass es trotz ausverkauft so entspannt vor den Bühnen zugegangen ist, zeigt ein gutes Gespür, was die Besucher wollen. Vielen Dank uns bis nächstes Jahr!

PS: An die etwa 10-Personen-starke Gruppe Anfang/Mitte zwanzig, die öfter schön mit Glitzer geschminkt waren: Vielen Dank, ihr ward super und konntet gut tanzen!

Blick auf die Cowperbühne bei Tom Odell. Foto: luserlounge.
Traumzeit. Festival der anderen Art. Foto: luserlounge.