Montag, 19. Februar 2018

dicht & ergreifend - Ghetto mi nix o

(sb) Reden wir nicht lange um den heißen Brei rum: Ghetto Mi Nix O, das neue Album der Exil-Niederbayern dicht & ergreifend ist eine verdammt gute Scheibe, wobei ich beim ersten Hören noch a bisserl enttäuscht war und erst beim ca. fünften Durchlauf gemerkt habe, welch Potential das gute Stück eigentlich besitzt. Seitdem hat das neue Werk der Herren Lef Dutti und George Urkwell den Player nicht mehr verlassen und läuft eigentlich immer, wenn ich mal ne freie und ruhige Minute habe. Als "Soundtrack nebenher" eignet sich Ghetto Mi Nix O indes eher weniger, denn auf die Texte sollte man unbedingt - und noch mehr als beim grandiosen Debüt Dampf der Giganten - unbedingt achten.

Schauen wir aber nochmal kurz zurück: das erste Video aus dem neuen Album, Don't Believe The Like, wurde von YouTube direkt mal gesperrt (und erst in einer zensierten Version wieder zugelassen), die zweite Single Schofal Boogie konnte mich auch nicht überzeugen und so war ich doch sehr gespannt, was mich auf dem Longplayer erwarten würde.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich beim ersten Anhören der beiden Auftakttracks O. N.T. H. und Ghetto Mi Nix O dachte: "Oha, des is aber a weng überambitioniert. Wo ist denn die Leichtigkeit hin?" Mittlerweile ist dieser Zweifel verflogen und ich bin froh, dass dicht & ergreifend es gewagt haben, sich nicht auf den Lorbeeren ihres Debütalbums auszuruhen, sondern einen Entwicklungsschritt zu nehmen, der ebenso beachtlich wie mutig ist.

https://www.facebook.com/dichtundergreifend
Mir persönlich gefallen zwar gerade die Uptempo-Nummern à la Schofal Boogie nicht so gut, aber bei einem Album mit 18 Tracks liegt es auf der Hand, dass einem nicht jeder Song zusagen kann. Auch die instrumentalen Anlehnungen an die bayerische Volksmusik, die auf Dampf der Giganten noch so außergewöhnlich, experimentell und großartig waren, fielen mir beim ersten Hören des neuen Albums gar nicht so auf - doch sie sind da und Tuba, Trompete & Co. wissen einmal mehr zu überzeugen.

Textlich bewegen sich Lef Dutti und George Urkwell auf sehr vielfältigem Terrain: mal geht's einfach nur saulustig und skurril zu (Bierfahrerbeifahrer), dann wird's politisch engagiert (Ned Dahoam) und gesellschaftskritisch (Don't Believe The Like), aber auch den Themen Umwelt (Grias De God Scheene Gegn'd) und Ernährung (I Frieß So Gern) nehmen sich die Dichtis an. Das liest sich jetzt hier gerade sehr nüchtern, aber die Art und Weise, wie dicht & ergreifend das präsentieren, ist unwahrscheinlich vielfältig und macht wahnsinnig viel Spaß. Dass man der bairischen Sprache mächtig sein sollte, um die Buam und ihre Lyrics zu verstehen, liegt dabei auf der Hand, aber wie sagte schon Hans Söllner einst so schön: "Im Grunde unseres Herzens samma doch olle Bayern."

Damit hat er zwar Recht, aber Bayern ist halt nicht nur landschaftlich schön, sondern auch konservativ verpestet, was dicht & ergreifend immer wieder gerne aufgreifen und dem geneigten Hörer um die Ohren hauen. Guad so!

"Sie song "Dahoam schdeam d'Leid" und des stimmt sogoa
in Damaskus zreißts an Kinderchor
Hoppala, Blindgänger, kimmd moi vor
zwoa Finga miassn glanga, um des Peacezeichen zum zoang.
Ihr habts nixe g'wusst? De Splitterbombm war von Thyssen Krupp
immer dieser Rüstungsdruck
etz kemmans olle eina in am Flüchtlingszug.
Auf oamoi muas a Führer her
olle jammand ummananda, woin a Bürgerwehr.
Vor dem Syrer Gschwerl hams Angst, wean panisch
dengan, irgendwann wead Garmisch islamisch
wia da Cassius Clay.
Schutz gega Soizneger? Pfefferspray!
Hey, jeder Treffer zeyd
Eia Tresenlogik drammbed auf da Schdey.
Okay, wer auf Menschen zielt, is a Lokalpatriot und grenzdebil
Ihr vahungerts no an geistiger Magersucht
wega Deppen wia eich bin i auf Fahnenflucht."
 
aus "Ned Dahoam"


Abgerundet wird Ghetto Mi Nix O durch Fensdabuzza, einem zehnminütigen Epos über die Ungerechtigkeiten im Leben und die Rache des kleinen Mannes, illustre Gastauftritte von Rappern aus Bayern und dem benachbarten Ausland (Surprise, surprise!), sowie wieder mal geniale Interludes. Freut Euch auf "Nousenrämmi" und "Ssssäianäigl"...

Insofern: natürlich unbedingte Kaufempfehlung (VÖ: 02.03.)!

Auf Tour sind die Herren Urkwell und Dutti auch und zwar hier:

https://www.facebook.com/dichtundergreifend
 


 
 

Freitag, 16. Februar 2018

KW 7, 2018: Die luserlounge selektiert.

tattooforaweek.com
 (ms/sb) Als Dauergast auf bestimmten Festivals sind einige Bekanntmachungen schon ein Augenaufschlag wert. So spielen auf dem diesjährigen Open Flair Festival im schönen Eschwege die Musiker, die sich Tocotronic nennen. Das Festival ist im Grunde genommen immer relativ (Punk-)Rock-lastig, was auch extrem schön ist. Andere große Vertreter ihres Genres kommen allerdings auch gern vorbei. In den letzten Jahren: Iggy Pop, Pendulum, KoRn, Rise Against, In Flames. Auch deutsche Hochkaräter sind (Stamm-)Gäste: Casper, Marteria, Broilers,  Kraftklub oder die wundervollen Beatsteaks. So feuilletonistisch-verkopft wie bei Tocotronic geht es eher selten zu. Das gibt mehr Zeit, um in der Augustsonne lecker Bier zu tanken. Umso erfreulicher, dass sie im Sommer aufs Werdchen kommen und die Meute verzaubern werden.
Die diesjährigen Festivalschlampen (ja, ist halt so ein geflügeltes Wort) sind wohl Feine Sahne Fischfilet, die mal wieder an jeder Milchkanne Pfeffi verteilen.
Wir haben Euch auch diesen Freitag erneut Tolles aus der Musikwelt zusammen gesammelt:

Sebastian Block
Nein, deutschsprachige Singer-Songwriter, die sich beim Namen nennen, brauchen wir eigentlich nicht mehr. Siehe Radioikonen wie Mark Forster, Andreas Bourani, Adel Tawil. Bei den Herren ist der Kotzreiz vorprogrammiert. Andere, viel feiner gestrickte wie Spaceman Spiff oder Matze Rossi sind uns hingegen äußerst willkommen. Heute erscheint das Album Wo Alles Begann von Sebastian Block. Man, ist das schöne, warme, kluge Gitarrenpopmusik. Lieder wie Bist Du Die Antwort oder Warum Rufst Du Mich Nicht An werden schnell zu neuen Lieblingsliedern. Seit 12 Jahren macht er Musik und die Erfahrung ist herauszuhören. Über das Label Timezone Records erscheint sein Werk und wir legen es Euch ans Herz. Kauft. Das!

Heute Abend spielt er mit Jo Stockhölzer ein Release-Konzert im Berliner Cassiopeia. 20 Uhr.



Van Schelln
Es gibt Bands, Lieder und Videos, die einen einfach nur leicht verstört zurücklassen. Dazu gehört ab heute die Band Van Schelln aus Erlangen. Wir sind keine Franken und verstehen daher nicht so viel vom Text des Liedes Broudwoschdghäggwägg. Okay, es geht um den Brotbelag, das geht noch. Auf eigenwillige Art und Weise macht das ganz schön Bock. Auf Albumlänge gibt es das dann ab dem 30. März: Schellnbringer heißt das gute Stück. Auch wenig verwunderlich, dass Van Schelln ihre Musik ohne Label vertreiben. Aber seht und hört selber:




An dieser Stelle muss ich, sb, den Kollegen ms mal eben korrigieren: ich bin tatsächlich Halbfranke, mit einer Fränkin verheiratet und verstehe durchaus, was der Kollege Van Schelln da zum Besten gibt. Verstört bin ich trotzdem...

So, weiter geht's im Text: diese Woche landete ein Päckchen von Rookie Records in meinem Briefkasten, prall gefüllt mit fünf neuen Alben. Über s/t, das Debütalbum von Acht Eimer Hühnerherzen breite ich lieber den Mantel des Schweigens, auf die anderen vier möchte ich aber zumindest kurz eingehen.

The Lombego Surfers
Die nicht mehr ganz so jungen Schweizer klingen frischer als mancher Youngster, der Sound (Garage, Punk, Rock'n'Roll) erinnert jedoch manchmal zu krass an die großen Ramones. Das Album Heading Out (VÖ: 27.04.2018) kann man sich gut anhören, stellt sich aber nach ein paar Tracks die Frage, warum man nicht direkt zum Original gegriffen hat. Macht live vermutlich noch deutlich mehr Spaß als auf Platte.

Custody
Bei den Finnen vereinen sich mehr als 100 Jahre Bühnenerfahrung und vielleicht ist es gerade diese Routine, gepaart mit der Lust, nochmal was Neues zu probieren, die das selbstbetitelte Album (Release: 23.03.2018) so gut werden ließen. Feiner melodischer Pop-Punk, der zu keiner Zeit eintönig oder langweilig wird. Super Sache!




The Stanfields
Ebenfalls am 23.03. erscheint Limboland, das fünfte Album der kanadischen Rockband The Stanfields. Die irischen Wurzeln der Mitglieder sind nicht zu leugnen, das Ganze ist sehr unterhaltsam und nach dem ein oder anderen Bier (zu viel) kann man dazu ordentlich abgehen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten: daheim ist mir das Album zu anstrengend, beim Autofahren geht's aber ausgesprochen gut.




Not Scientists
Kommen wir zum heutigen Testsieger: die Band Not Scientists wurde Ende 2013 gegründet und nach einer EP, einer 7'' und dem Debütalbum Destroy To Rebuild erscheint am 13.04. ihr zweiter Longplayer Golden Staples. Die musikalischen Einflüsse der Franzosen reichen dabei von den Buzzcocks über The Thermals (hurra!) bis hin zu Hot Water Music und Superchunk. Nichtsdestrotrotz klingt es manchmal so als hätten Blink182 vor zwanzig Jahren Musik für Erwachsene gemacht. Hm, versteht man das jetzt? Egal. Golden Staples ist auf jeden Fall ein richtig gutes Album und hat mich dazu verführt, mir auch direkt den Back-Katalog der Not Scientists reinzuziehen.


 
 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Fishbach - A Ta Merci

(ms) Im 18. und 19. Jahrhundert war Frankreich kulturell gesehen das Vorbild für viele andere europäische Länder. Das savoir vivre, das gute Essen und die Feinheit der Sprache haben viele Leute extrem beeindruckt und zum Nachahmen animiert. Das ist lange vorbei, jedoch kann man nicht leugnen, dass sowohl die Wahlkampagne als auch das forsche Auftreten von Emmanuel Macron hierzulande auch den ein oder anderen hat staunen lassen.
Und wie sieht es in der Musiklandschaft aus? Da fällt auf, dass es insbesondere in elektronischen Gefilden Akteure gibt, die extrem erfolgreich sind. Beispiele: Daft Punk, MGMT, C2C und die alten Pioniere von Air.
Mit Flora Fishbach tritt nun eine junge Frau auf dieser Bildfläche auf und das mit ganz schön viel Wumms. Über Sony France erscheint diesen Freitag ihr Debutalbum A Ta Merci auch hier., in ihrer Heimat gibt es das schon seit einem Jahr. Aber es ist nicht einfach nur klug ausgetüftelter Elektropop, sondern bereits so etwas wie Neo-Chanson? Denn es sind nicht nur die Beats und guten Hooklines, die dieses Album hörenswert machen, sondern auch die Stimme der 26-Jährigen.
Mit 15 hat sie die Schule geschmissen und in allerbester Studentenmanier Gelegenheitsjobs en masse angenommen, um sich über Wasser zu halten und an einem Traum zu arbeiten. Früh begann sie auf dem Tablet Musik zu kreieren, A Ta Merci ist das beeindruckende Ergebnis davon.

Das Album hat einen schön-verspielten Anfang mit Ma Voir Lactée, in dem man einen ersten umfangreichen Eindruck ihrer durchdringenden Stimme bekommt. Eine Alternativkarriere in der Oper oder einem richtig guten Chor müsste kein Problem sein. Der belebende Sound: Dominiert durch Synthie-Hooks (oft extrem tanzbar), ergänzt von Schlagzeug, Percussion und Gitarren. Einige Takte und Melodien erinnern so herrlich an einen revitalisierten Klang der 80er, dass die Euphorie darüber kaum auszuhalten ist  (u.a. Y Crois Toi). Schön ist auch, dass sich nichts Klischeehaftes im Fabelhafte-Welt-der-Amelie-Stil oder in Yann-Thiersen-Manier findet. Eher eröffnet sie auch dunklere Klangräume. Und ja, es ist ein Segen, dass sie in ihrer Muttersprache singt und nicht wie die großen Namen (s.o.) davon abweicht. Ach, hätte man damals im Unterricht besser aufgepasst, wüsste man auch, was sie singt und nicht nur, dass Arthur ein Papagei ist: Boum, c'est le choc!
Ganz große Tanznummer, die durch einen energetischen Refrain und fantastische Basslinie überzeugt ist Un Autre Que Moi! Heidewitzka, Frau Kapitänin! Mysteriös-düster und daher einnehmend kommt plötzlich Feu um die Ecke: Überraschungen sind garantiert. Auch On Me Dit Tu ist derbe hitverdächtig.

A Ta Merci ist ein facettenreiches Elektropopdance-Album, das es in sich hat.
Nicht nur die Pressemitteilung schreibt, dass man Fishbach live gesehen haben muss.
Nach mehrmaligem Hören ist der Schreiber auch davon absolut überzeugt und hat Lust.
In die Tat umsetzen kann man das demnächst hier:

26.02. - Köln, Blue Shell
27.02. - Berlin, Frannz Club
28.02. - Hamburg, Nachtwache
03.03. - Frankfurt, Zoom
04.03. - Karlsruhe, Tollhaus
05.03. - München, Villa





Mittwoch, 14. Februar 2018

Hannah & Falco - Blind For The Moment


Foto: https://www.facebook.com/hannahandfalco/
(sb) „Liebe ist eine Bezeichnung für stärkste Zuneigung und Wertschätzung. Nach engerem und verbreitetem Verständnis ist Liebe ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine entgegenkommende tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt. Das Gefühl der Liebe kann unabhängig davon entstehen, ob es erwidert wird oder nicht.“ So weit und so richtig Wikipedia. Was allerdings verschwiegen wird: Liebe mach kreativ - egal, ob zurückgewiesene oder erwiderte. Und das musikalische Ergebnis davon ist oftmals sehr hörenswert, wie auch auf der neuen EP des Würzburger Duos Hannah & Falco.

Vor nicht einmal 1 ½ Jahren berichteten wir Euch von Chapter 5 und waren ganz aus dem Häuschen. Die damals Hoffnung auf ein Album wurde leider nicht erfüllt, dafür meldet sich Sänger Falco Eckhof nun aber zusammen mit seiner Freundin Hannah Weidlich zurück und erneut bin ich schwerstens entzückt über das Gehörte. Natürlich kann man die beiden EPs nicht miteinander vergleichen, zu unterschiedlich sind die Musikstile, doch eins ist klar: Falco ist ein hervorragender Songwriter und hat mit Hannah nicht nur privat, sondern auch musikalisch ein klasse Pendant zur Seite.

Dass die beiden Musiker erst 22 bzw. 19 Jahre alt sind, hört man ihrer EP Blind For The Moment nicht an. Zwar klingen Hannah & Falco durchaus frisch und unverbraucht, die eingeschlagene Musikrichtung (Americana, Folk, mitunter fast a bisserl countryesk), lässt die beiden Würzburger aber automatisch älter erscheinen. Zudem gibt das Paar dem Begriff „oldschoool“ eine völlig neue Bedeutung, haben sie doch ihre EP in Falcos alter Schule aufgenommen: ohne großes Studio wurde ein Musikraum für drei Ferientage zum Aufnahmeraum umfunktioniert und der eigene Bestand an Equipment und Mikrofonen kurzerhand durch Leihgaben von Bekannten aufgestockt. Produktion und Aufnahme nahm Eckhof in die Hand und auch der Mix der Songs wurde selbst im eigenen Studio umgesetzt. Einzig zum Mastering ging es für die EP in die USA: in Nashville, TN, verpasste der erfahrene Engineer Alex McCollough von True East Mastering den Aufnahmen den letzten Schliff.

Herausgekommen ist eine Melange aus euphorischen, vor Freude schreienden schnelleren Stücken und ruhigen Songs, die zerbrechlicher kaum sein könnten und die in dieser Form vermutlich tatsächlich nur von zwei Musikern aufgenommen werden können, die seit fünf Jahren auch privat zusammen durch Dick und Dünn gehen.

Ihr könnt Hannah & Falco demnächst auch live erleben und zwar hier:

https://www.facebook.com/hannahandfalco/



Dienstag, 13. Februar 2018

Great News - Wonderfault

Das Hipseroutfit hört man zum Glück nicht in ihrer Musik: Great News. Foto: Linn Heidi Stokkedal
(ms) From Bergen to the world.
Bei aller Bescheidenheit ist das kurioserweise noch nicht mal das Ziel der drei Norweger Even Kjelby, Ole Kristian Einarsen und Kim Age Furuhaug. Dabei haben sie sich doch als Musiker den etwas größenwahnsinnigen Namen Great News gegeben. Spätestens nach dem Hören ihres Erstlings, das am kommenden Freitag über das Label Eget Selskap das Licht der Welt erblickt, bekommt der Name Berechtigung.
Dazu muss man auf jeden Fall wissen: Sie sind Musiknerds im allerbesten Sinne; ihr Hipsteroutfit lassen wir dabei mal außen vor. Mit unterbezahlten Jobs, die ausschließlich dafür dienen, den eigenen Lebensunterhalt so gut es geht zu bewerkstelligen, sorgen sie dafür, dass sie nebenbei ihrem Traum nachträumen können. Der wird mit Wonderfault nun Realität. Zusätzlich sind Kjelby, Einarsen und Furuhaug Idealisten: "Wenn wir eine Person mit unserer Musik berühren, dann ist unsere Mission erfüllt."
So eine Aussage als Musiker! Jeder, der sich vornimmt ernsthaft Melodien, Harmonien und Texte zusammen zu basteln und auf eine Platte pressen zu lassen, hat ja per Definition das Bedürfnis, dies auf der Bühne auszuleben. Die wenigsten werden sich mit einem Hörer zufriedengeben. Also große Neuigkeiten an alles Enden und Ecken.

Wie klingen die Leidenschaftler denn?
Mit Überzeugung, steif und fest kann man behaupten: Nach einer fantastischen Mischung aus 80s, Britpop und elektronischem Indierock. Sie selbst bezeichnen ihren Sound als Daze Pop. Catchige Gitarrenläufe, große Hymnen und der einnehmende Gesang wirken schnell. Es ist im besten Sinne eingängig und entfacht immer wieder eine enorme Kraft, die zum Tanzen oder Faust-in-die-Luft-Recken bewegt.
Der Opener Sleep It Off ist schon ein herrliches Beispiel, wie die Nordlichter ticken. Ein ruhiger, angenehmer Start, der in der 51. Sekunde völlig aus sich bricht und groß, gitarrenlastig, ja beinahe hitverdächtig wird. Da ist es kaum schon zu glauben, dass sie diesen Sound zu dritt erzeugen. An vielen Stellen fühlt man sich an die große Namen aus dem Indie-Brit-Pop erinnert, ohne konkret eine spezifische Band nennen zu können. Einnehmend sind Tracks wie Never Get My Love, die zusätzlich mit Percussion und mehrstimmigem Gesang einen psychedelischen Rausch erzeugen können. Die Leichtigkeit von Secrets macht einem nahezu Angst, kommt aus dem Norden doch meist nur knochenharter Metal, der schaurige Geschichten über den Tod und das Leiden erzählt. Mit dem Rausschmeißer It's Easy, der immer weiter fortschreitend eine ungeheure Energie und Macht entwickelt, fällt es einem wirklich extrem leicht diese Platte und die Band schnell zu mögen.

Zum Schluss noch eine schwierige Frage: Wohin mit all den großartigen, innovativen, unbeschwerten Bands, die leider so klein sind, dass sie voraussichtlich eher auf einem schmucken Indie-Festival spielen anstatt die Aufmerksamkeit inklusive Zuschauerzahlen bekommen, die sie verdienen? Einfache Antwort: Solange sie sich mit einem ergriffenen Hörer zufrieden geben und dann die Mission erfüllt ist, ist alles gut. Idealisten halt.

Die Band heißt Great News und kommt aus Bergen, Norwegen.
Das Album Wonderfault ist ein Wirklichkeit gewordener Musikertraum!
Gebt ihnen eine Chance, hört Euch durch und lasst euch mitreißen!

In Holland und Norwegen spielen sie demnächst:
19.-21.04. - Motel Mozaique Festival - Rotterdam, Niederlande
26.-28.07. - Fres Festival - Fresvik, Norwegen
07.-11.08. - Øya Festival - Oslo, Norwegen




Montag, 12. Februar 2018

Talco - And The Winner Isn't...


Foto: https://www.facebook.com/talcopunkchanka/
(mm/sb) Schlechte Laune? Keine Motivation? Einfach ein absoluter Sch…tag? Dagegen gibt’s was! Zwar nicht von Ratiopharm, dafür aber von Talco. Die „Punkchanka“-Herren aus Italien mit einer gefühlten Sprechgeschwindigkeit von 1000 Wörtern pro Minute haben ihr neues Album And The Winner Isn’t herausgebracht. Ich habe für euch reingehört und bin begeistert.

Gut, ich muss gestehen, beim ersten Hören war ich schon ein wenig ernüchtert - es ist zwar der typische Talco-Sound und es macht Spaß zu hören, aber das richtige Highlight fehlt doch irgendwie. Kein La Parabola die Battagghi oder Danza dell'autunno rosa, das lange im Ohr bleibt. Aber: nachdem ich es nun zum zehnten Mal gehört habe, muss ich sagen: stört mich überhaupt nicht mehr. Mittlerweile ist für mich jedes Lied so ein Kracher, dass ich mich immer wieder freue, wenn ich das Album höre.

Schauen wir uns also mal die Titel an: Al parto sfigurato della superiorità als erster Song mit 1:30 Minuten sehr kurz, aber ein wunderbarer Appetizer des Albums. Onda immobile ruft dann eindeutig wieder die Talco-Gefühle hervor, man möchte unbedingt wieder auf einem Konzert ordentlich drauf abgehen. Absolut genial! Señor hood und Reclame sind okay, für meinen Geschmack ein bisschen zu ruhig. Dafür knallen Bomaye (eine Hommage an Muhammad Ali), La veritá und Domingo Road dann wieder schön – könnten Lieder werden, die dann doch zumindest teilweise im Kopf bleiben, weil man zumindest mal auch ohne Italienisch-Kenntnisse was mitsingen kann. Es ist eben eine schöne Mischung aus weniger energiegeladenen Liedern und solchen, die dann richtig zum Durchatmen einladen. Auch Lunga la macabra stanza ist auf der Platte jetzt nicht unbedingt mein Favorit, kann ich mir aber sehr gut beim Konzert vorstellen. Der Namensgeber des Albums And the Winner Isn't und Intervallo sind mit je einer Minute und reiner Instrumentalversion Besonderheiten des Albums – auch weil Ersteres eher an ein Seemannslied erinnert als an Talco. Avatar, Matematica idea und Silent avenue (nella strada II) bilden schließlich den runden Abschluss der ersten CD. Und alle machen unbedingt Lust auf mehr.

Foto: https://www.facebook.com/talcopunkchanka/

Ich hatte glücklicherweise noch den Luxus, die Bonus-Version genießen zu dürfen. Hier finden sich zwei spanische, eine englische und auch eine deutsche Version alter Lieder:
  • St. Pauli (Deutsche Version)
  • La Torre (Spanische Version)
  • La Danza Dell'Autunno Rosa (Spanische Version)
  • La Mia Cittá (Englische Version)

Doch Obacht: wer meint, jetzt von den Lyrics mehr zu verstehen, der täuscht sich leider: Selbst bei der deutschen Version von St. Pauli verstehe ich nur einen Bruchteil. Trotzdem machen alle vier extrem Spaß, weil man die Lieder eben schon kennt und mit La Danza Dell'Autunno Rosa und La Mia Cittá Lieblinge von mir dabei sind.

Insgesamt ist das Album extrem kurzweilig und für mich eines der wenigen Alben, die mich in der Wohnung rumhüpfen und die schlechte Laune verfliegen lassen (und das will bei mir was heißen). Aber Vorsicht: aus leidvoller eigener Erfahrung möchte ich davon abraten, beim Hören in der Küche mit Messern zu hantieren… kann schief gehen! Auf der Autobahn hingegen sorgt And The Winner Isn’t für eine leicht verkürzte Fahrzeit – man kennt das ja.

Großes, großes Lob an Talco für dieses großartige Album. Auch nach Jahren macht ihr mir immer noch Spaß. Kommt gern wieder in die Bodensee-Region, ihr seid hier immer willkommen und werdet sehnsüchtig erwartet.

 


Freitag, 9. Februar 2018

KW 6, 2018: Die luserlounge selektiert!

tattooforaweek.com
(ms/sb) Tesla zum Mond, Koalitionsvertrag, Winterspiele in Südkorea und Rolf Zacher ist tot. Zum Glück gibt es auch wirklich gute Nachrichten. Bevor es weiter unten Töne und Eindrücke gibt, muss hier ganz subjektiv etwas festgestellt werden.

Einer der Schreiber hier findet die Gruppe Kettcar aus Hamburg so stark, dass er kaum damit aufhören kann, sie sich live anzuschauen. Innerhalb der letzten sieben Monate waren es fünf Konzerte. Innerhalb der letzten eineinhalb Wochen zwei. Der Auftritt in Dortmund war ein Fest, der Sound - wir sprachen davon - ein Genuss für die Seele. Fortuna Ehrenfeld haben fein eingeheizt und während eines Konzertes, wenn die Band alles gibt bei den lauten oder leisen Tönen, ist es ab und an reizvoll, sich umzudrehen und in die Gesichter der anderen Besucher zu schauen. Dort war sowohl in Dortmund als auch diesen Dienstag in Hamburg viel Glanz, Freude und Glück zu entdecken. Kettcar sind nicht nur eine wichtige Band für die deutschsprachige Musiklandschaft, sondern haben mit Ich Vs. Wir ein tiefsinniges, wohlüberlegtes Album hingelegt. Seit Jahren begleiten sie das Leben vieler Menschen und bekommen auf der Bühne davon viel zurück. So spielen sie auf der aktuellen Tour auch Der Tag Wird Kommen aus dem Solo-Album von Marcus Wiebusch: Große Klasse, wichtiger Song. Beim Spielen ging Wiebusch irgendetwas so nah, dass ihm die Tränen in den Augen standen. Das war berührend, das war stark, das war schön. Die Kraft von Musik ist unbegreiflich.

Umso trauriger ist es dann jedoch, wenn einen alte Helden enttäuschen, weil die neuen Sachen einfach nicht mehr so ziehen wie die geliebten Klassiker, wenn entweder gar keine Weiterentwicklung festzustellen ist oder man mit der eingeschlagenen Richtung des Künstler so gar nichts anzufangen weiß. Wobei wir auch schon beim Thema wären...

Gestern erschienen drei Alben von Bands, die durchaus mal zu überzeugen wussten, heutzutage aber ein Schatten ihrer selbst sind.

Franz Ferdinand - Always Ascending

Alter, was waren die Schotten mal gut, szeneprägend und ein Flagschiff der britischen Musikszene, als es sich eigentlich schickte, ein "The" am Anfang des Bandnamens zu haben. Und heute? Nick McCarthy, Franz Ferdinands Link ins bayerische Bad Aibling, ist bekanntermaßen nicht mehr an Bord, die Band ist mittlerweile zu fünft, der Sound ist immer noch der Gleiche - und genau das wirkt 2018 irgendwie aus der Zeit gefallen. Das Album plätschert vor sich hin, man wartet auf Innovatives, wartet, wartet, wartet, langweilt sich - und dann sind die knapp 40 Minuten Spielzeit abgelaufen. Fad.



Dashboard Confessional - Crooked Shadows

Neun Jahre Zeit nahm sich DC-Mastermind Chris Carrabba für dieses Album - und dann kommt sowas raus. Meine Herren... Klingt wie immer, nur a bisserl weniger empathisch. Nichts gegen Teenie-Girls, aber jemand anderen als herzschmerzige 16-jährige Mädels werden Dashboard Confessional mit ihrem Album (hoffentlich) nicht erreichen.



MGMT - Little Dark Age

Auch so eine Band, deren Ruhm auf einem Song basiert ("Kids") und die seitdem denkt (und vermutlich gesagt bekommt), sie sei gut, ideenreich, ganz toll und was Besonderes. Tatsächlich hat es aber der Monaco Franze bereits in den 80er Jahren treffend zusammengefasst: "A rechter Scheißdreck war's. Altmodisch bis provinziell war's. Des war's."
Dem ist hinsichtlich des neuen MGMT-Album nichts hinzuzufügen.



Zum Abschluss noch zwei Videos, die einen dann doch wieder an das Gute in der (Musik-)Welt glauben lassen: zum Einen Arionce, deren EP Deep Ocean Grey am 06.04. erscheinen wird und zum Anderen Juse Ju. Dessen Album "Shibuya Crossing" wird am 16.03. veröffentlicht und wir werden darüber berichten, denn: wir sind Fans!