Freitag, 20. Oktober 2017

Olympique - Chron

Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/
(sb) Zweieinhalb unendlich lang anmutende Jahre ließen OLYMPIQUE die Musikwelt auf den Nachfolger ihres überragenden Debütalbums Crystal Palace warten, doch nun ist es endlich so weit: am Freitag erschien Chron und es scheint, als haben sich die Salzburger zumindest teilweise neu erfunden. Geblieben ist definitiv das Bombastische, das Streben nach dem ganz Großen, denn bei jedem einzelnen der zwölf Tracks merkt man, dass sich OLYMPIQUE nicht mit halben Sachen zufrieden geben.

Die instrumentalen Arrangements schreien geradezu nach großen Bühnen, das Songwriting ist gewohnt (kann man das auf einem zweiten Album überhaupt schon sagen?) brillant und die Stimme von Sänger Fabian Woschnagg besticht sowohl durch ihre ungemeine Vielseitigkeit, als auch durch eine Tiefe, die man einem Mittzwanziger so an vielen Stellen gar nicht zutraut.

Ja, OLYMPIQUE haben sich verdammt viel Zeit gelassen mit ihrem Nachfolgealbum, doch das war auch genauso angekündigt worden und es hat sich gelohnt. Die Songs sind von A-Z wohl durchdacht, sehr energetisch und werden ihre volle Wirkung vermutlich erst live zur Geltung bringen. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Perfektion und Liebe zum Detail die Band zu Werke geht, um ihre Songs produzieren.

Apropos Band: nach dem Ausstieg des Gründungsmitglieds Leo Scheichenost, der mittlerweile als Graphic Designer beachtliche Erfolge feiert, wurde die Stammbesetzung auf vier Leute ausgebaut, inzwischen besteht der harte Kern jedoch nur noch aus Sänger Woschnagg und Drummer Nino Ebner.
Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/

Dazu gesellen sich im Studio beispielsweise so namhafte Musiker wie der Jazzpianist Philipp Nykrin, live wird das Duo durch zwei weitere Musiker ergänzt. Man darf gespannt sein, wie OLYMPIQUE ihre Songs präsentieren werden, denn in der Vergangenheit war das stets eine geniale Mixtur aus akustischen und visuellen Reizen, wurde doch der Bühnenhintergrund für aufwändige Videoinstallationen genutzt.

Chron besticht durch sein durchgehend hohes Niveau, die beiden ersten Singles R.O.F. und True Love bieten jedoch einen schönen Einblick in das, was den Hörer erwartet. Zugegebenermaßen fehlen die ganz großen Einzelhits des Debütalbums (Lebanon verdient sich dieses Prädikat noch am ehesten), aber wie will man The Reason I Came, Ivory, No Estate To Remind oder mein persönliches Highlight Lullaby auch reproduzieren oder gar toppen? Ich nehme an, das war auch gar nicht das Ziel der Salzburger, denn das wäre vermessen. Vielmehr besinnen sie sich zwar ihrer bereits genannten Stärken, stellen aber das Gesamtwerk in den Vordergrund, halten ihre Texte bewusst vage und lassen Chron so zu einem Album werden, das auch Raum für Phantasien lässt, ohne den Hörer auch nur eine Sekunde lang loszulassen. Tendenziell eher ruhigere Songs wie So Far Gone oder Warlord stellen die stimmliche Komponente eher in den Vordergrund und wenn es um Rock geht, darf sich Ebner an seinen Drums ordentlich austoben. Money klingt mitunter sogar ein bisschen soulig - eine ungemein sexy Melange, die OLYMPIQUE da angerührt haben.

Mein Tipp an Euch: KAUFPFLICHT!

Und natürlich gehen Fabi, Nino und Konsorten demnächst auch auf Tour, was Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet. Wir werden auf jeden Fall vom Tourauftakt in Dornbirn berichten.

Bild: https://www.facebook.com/olympiqueofficial/
 
 
 



Von Täubchen und einem kräftig abgehenden (Kraft-)Klub!


Bild: https://krasserstoff.com/tour/157443
(bf) Hach, Conrad Sohm, alter Brutkasten für genialste Konzerterinnerungen und ein beständiges Piepen im Ohr, wenn man dampfend dank durchnässter Kleidung draußen auf ein Taxi wartet und sich mit den Umstehenden versichert, dass man das wirklich gerade zusammen erlebt hat.

An diesem Mittwochabend ist die Vorfreude groß und die Erwartungshaltung der Leute entsprechend, waren wir doch schon vor 4 Jahren Zeugen eines genialen Auftritts der Original Ostler aus Karl-Marx-Stadt. Dazwischen auf einigen Festivals in der Umgebung gerockt, jetzt wieder mit einem neuem Album am Start im feuchten Traum jedes Musikfanatikers mitten im Wald hoch über Dornbirn.

Eigentlich nie enttäuscht worden, auch diesmal war das nicht der Fall. Im Gegenteil, bereits die perfekt selektierte Vorband begeisterte beim Reinhören in der Konzertvorbereitung und hat live nur so vom Hocker gehauen. Wie Felix bei der Ansage schon erklärt, wurden Kraftklub größeren Zuschauergruppen über Supportauftritte bei den Beatsteaks bekannt, und auch die Jungs selbst haben ein gutes Näschen für gute Sachen.


Foto: Florian Lackner
Die beiden Berliner Täubchen von Gurr hauen geradlinigen, unkomplizierten Garage Punkrock raus, bei dem Stillstehen grundsätzlich nicht geht. Die Verbindung zum Publikum ist gleich da, auch wenn es zum sich einige Male andeutenden Mosh Pit noch nicht kommen mag. Speziell Diamonds und das deutschsprachige Walnuss bleiben hängen, die 11 Lieder auf dem Debütalbum gehen flüssig den Gehörgang runter und lassen einen mitswingen wie eine gehende immer headbangende Taube - Ready for Takeoff, Ladies! J
 
Kurz darauf wird die Nacht uns endlich genommen, kommen Kraftklub unter großem Jubel auf die Bühne, und auch bei den neuen Stücken, die vielleicht nicht immer so kantig und direkt wie auf den früheren Platten, aber nicht weniger intensiv sind, geht das Publikum gut mit. Stillstand nicht vorhanden. Die Klassiker werden recht gut mit Neuem gemischt, auch wenn man ein paar alte Lieder (Ritalin, Ich will nicht nach Berlin, Mein Leben, Liebe) im Set doch vermisst.

Fenster, Am Ende und Chemie Chemie Ya stechen in der Live Performance wohl am besten aus dem neuen Album raus.
 
Auch zum aktuellen Politikgeschehen gab es vor und nach Schüsse in die Luft mehr Taten als Worte, folgte doch gleich darauf das Ärzte-Cover Schrei nach Liebe. Schön, wichtig und richtig!
 
Persönliches Highlight allerdings war das Cover gemeinsam mit Gurr (an Schlagzeug und Gesang) von Blur's Song 2.
 

In diesem Sinne - in einer Mischung aus Circle Pits, Dauerpogo, Stagedives und ganz viel Wooohoooo - Keine Nacht für Niemand bei dieser Formation ist keine leere Versprechung!
 
Foto: Florian Lackner
 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wy - Okay

Schrecklich hippes Aussehen, wunderbare Musik: Wy
(ms) Warum eine Besprechung eines schönen Albums nicht mal mit einem schlechten Witz anfangen:
Wie heißt diese Band jetzt?
- Wy.
Wie?!
- Wy.
Aha.

Na gut...
Ist sicherlich ein Kalauer, der nur auf deutsch funktioniert (denn why oder Wü wird der Bandname nun wirklich nicht ausgesprochen). Was sich Ebba Ågren und Michel Gustafsson dabei gedacht haben, bleibt ihr Geheimnis. Und ihr Debutalbum ist alles andere als okay. Es ist viel mehr, mit vielen Schichten behaftet und oft traumwandlerisch. Ebba und Michel sind seit langer Zeit ein Paar - sehr interessantes Musikerthema - und nachdem sie schon letztes Jahr ihre EP mit dem Namen Never Was ans Tageslicht beförderten, erscheint die Langspielplatte Okay diesen Freitag via Hybris und Better Call Rob.



Grob beschrieben machen die beiden eleganten Electro-Pop. Für eine feinere Analyse müssen einzele Songs herangezogen werden. Im Opener Indolence ist schon der hohe, aber stabile Falsettgesang auffällig; er begleitet einen Großteil des Albums. Dazu passt die ruhige, mystische und dezente Begleitung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wie?! Zu zweit?! Ja, bei der Aufnahme schon; live wird das Schlagwerk durch ein entsprechendes Programm ersetzt. Die letzte halbe Minute des Songs nimmt richtig Fahrt auf, bricht heraus mit den breiten Klangströmen, die dann auch wieder aufgelöst werden. What would I ever do (s.o.) ist poppiger und greifbarer und daher eine logische Auswahl zur Single. Doch: Was kann man singletauglich dem Hörer zumuten, muss es zwingend (oder tendenziell) ins Radio passen?! Eine Frage, die spannend ist aber wo anders erörtert werden muss. Hate to fall asleep zeigt, dass es nicht nur musikalisch sondern auch textlich ein fein ausdifferenziertes Album ist. In den gesanglich tieferen (oder hier eher normalen) Lagen entfacht Ebbas Stimme viel mehr Dynamik als in den (schwindelerregenden) Höhen. Und wenn jemand gleich Lana Del Rey sagt, gehört derjenige bestraft, denn deren aktuelles Album Lust for life ist so gähnend langweilig, dass es kaum auszuhalten ist. Die Synthie-Phasen im Refrain von Don't call, die träumerisch-sphärischen Takte sind das, was das Werk wirklich stark machen.
Leider gibt es auch ein paar Schwächen. Die sehr ruhigen Lieder wie Kind, 10 p.m. oder ein Großteil von Gone wild warten nur darauf, dass sie zuende gehen. Sie nehmen der Platte ihre Energie und den Drive.
Daher ist es kein durchgehendes Meisterwerk, aber ein wirklich schönes, breit gefächertes Album, das an einigen Stellen laut aufgedreht zum Tanzen animieren kann.

Sie spielen bald ein Konzert in Berlin, weitere Daten für das kommende Jahr sind in Planung.

09.11 - Berlin, FluxBau




Dienstag, 17. Oktober 2017

Högni - Two Trains

Albumcover: Beats International
(sb) Oh Island, was hast Du der Musikwelt nicht schon für großartige Acts beschert? Sigur Rós, Björk, Of Monsters And Men, Rökkurró, 1860, Kaleo, GusGus und das ist nur die Speerspitze des kreativen Outputs der Insel knapp südlich des nördlichen Polarkreises. Und wenn wir schon bei GusGus sind, dann schlage ich doch direkt mal die Brücke zu deren ehemaligem Bandmitglied und Frontmann HÖGNI, der am 20.10. sein Debütalbum "Two Trains" veröffentlichen wird. Während sich GusGus in den Bereichen Techno, Elektro aber auch Soul verorten lassen, kann sich Högni zwar keinesfalls von elektronischen Klängen loseisen, setzt aber weitestgehend auf klassisches Songwriting mit melancholischer Grundfarbe. Man verfällt ja schnell in Stereotypen ("die Isländer halt"...), aber stellenweise muss man Sigur Rós als Referenz halt doch heranziehen. Nichtsdestotrotz gelingt Högni mit "Two Trains" ein ebenso spannender wie gelungener Spagat zwischen moderner und klassisch-traditionell anmutender Musik, was sicher auch dem Konzept geschuldet ist, dem das Album zugrunde liegt.

Inmitten der Zerstörung auf dem Festland transportierten die zwei Lokomotiven Minør und Pionér von 1913-1917 Wagenladungen an Stein und Kies für den Bau des Hafens von Reykjavík an die Küste Islands. Die zwei metallischen Giganten läuteten ein neues Zeitalter für das Land ein. Doch bereits kurz nach Ende der Arbeiten am Hafen wurden die beiden Loks geparkt und fuhren seither nie wieder. Heute erinnern sie uns nur noch an das Grandeur einer längst vergangenen Zukunft. Es sind die einzigen Züge, die je die isländische Landschaft schmückten.

Die Musik auf "Two Trains" umarmt den Geist der ursprünglichen, europäischen Avantgarde und beruft sich auf ihre Konzepte, mit ihren tuckernden Rhythmen, dem metallischen Klirren und den brütenden Choral-Arrangements (männliche Chöre sind ein distinktiv isländisches Phänomen, das auf die nationale/romantische Politik des 19. und 20. Jahrhunderts zurückzuführen ist), während die Texte von unheilvollen Wolken am vom Krieg beherrschten, östlichen Horizont und von Frachtwagons voll Kies und Träumen erzählen.

Künstlerfoto: Albumcover: Beats International

Alles in allem hat Högni ein Werk geschaffen, das mich einerseits fasziniert, andererseits aber auch verstört. Insbesondere die angesprochenen Chöre wirken aus der Zeit gefallen und kontrastieren die ausgefeilten Soundstrukturen so grob, dass ich sie als störend empfinde. Sehr schade, da die eigentlichen Songs durch die Bank richtig geil arrangiert sind. Und wenn man sich dann noch das Äußere (siehe die Bilder im Artikel) von Högni in Kombination mit der mitunter extrem verletzlichen Stimme vorstellt, kann man erahnen, wie viele Emotionen der Isländer in dieses Album gepackt hat.

Mein Tipp: auf jeden Mal bei Spotify oder so reinhören und dann bei Gefallen (und das kann durchaus passieren!) noch kaufen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Kettcar - "Ich vs. Wir"

Man trinkt jetzt Wasser: Kettcar. Foto: Andreas Hornoff

(ms) Alle haben im Vorfeld geschrieben, dass Kettcar endlich wieder da seien. Das ist ja grob falsch. Manch einer hatte sogar die Befürchtung, dass sie nach ihrer Pause nicht wieder kommen würden. Das konnte ich mir erst recht nicht vorstellen. Eine Band wie Kettcar legt keinen schleichenden Abgang hin, sondern ein fulminantes Album mit dem Titel Ich vs. Wir, das diesen Freitag auf dem Haus- und Hof-Label Grand Hotel van Cleef erscheinen wird.
Es ist das Album, dass fünfeinhalb Jahre durchdacht wurde.
Was ist in der Zwischenzeit passiert?!

Marcus hat sein Solo-Album geschrieben, eingespielt und ist damit auf Tour gegangen. Reimer hat sich um das Label gekümmert und Lars Aal geräuchert. Doch Kettcar war immer präsent, sie haben in Bremen und Hamburg Konzerte gegeben, bei denen Marcus auch mal den Text vergessen hat. Was darf man von dem neuen Album also erwarten?
Mindestens drei Faktoren erfüllen sich hier:

1.) Wie sich Marcus auf Konfetti ausprobiert hat, schlägt sich auch auf der neuen Platte wieder.
2.) Die Songs sind wesentlich gesellschaftspolitischer als vorher. Zwischen den Runden war ein herausragendes Album in bester Kettcar-Manier mit Geschichten, die für jeden greifbar waren, Rettung vielleicht bis dato das beste Beziehungslied, das man zu hören bekam. Durch globale Entwicklungen (Russland, Türkei, USA, Großbritannien und auch AfD) sahen sich Marcus und Reimer sicher angestachelt, darauf einzugehen. Achja: Gleich ruft jemand ...but Alive, doch das ist Quatsch. Weil:
3.) Das Album ist wesentlich gitarrenlastiger als der Vorgänger. In irgendeinem Nachrichtenbeitrag wurde zu Zwischen den Runden ernsthaft behauptet, dass Kettcar im Schlager angekommen seien. Dieser derben Beleidigung musste man natürlich entgegnen. Es ist feinster Indierock mit mehr E- als Akustikgitarre als zuvor, aber kein 90er Politpunk, was ja auch ernsthaft keiner mehr möchte. Dafür ist man zu reflektiert, zu gut informiert, braucht keine Pauschalisierungen, kann besser argumentieren, ansonsten ist man halt bei Egotronic oder Feine Sahne Fischfilet.

Schauen wir uns die einzelnen Stücke mal an:
Ankunftshalle: Das Album beginnt mit typischem Kettcar-Sound und ihrem guten, alten Storytelling, dass ein Bahnhof und ein Wiedersehen ein Ort und Gefühl ist, das verbindet, das jeder kennt, wenn man wieder vereint wird und die Menschen für einen Moment Menschen und "für einen Augenblick keine Meute sind". Guter Start!
Wagenburg: Hier macht sich deutlich, dass der Klang ähnlich ist wie auf Sylt: Wuchtiger, manchmal komplizierter, einfach rockiger. Es geht soziologisch, psychologisch zu, Gruppendynamiken, Individualität und die Verbindung zum Albumtitel mit der Eröffnung der politisch-gesellschaftlichen Inhaltsebene: AfD, Pegida, Reichsbürger, Chemtrailer, Populisten, Verschwörungstheoretiker, die sich in ihrer Argumentationen in die Wagenburg zurückziehen, ein militärisches Mittel, das aus der Defensive agiert. Doch der Song ist kein Dagegen, es ist ein Beobachten und Schildern.
Benzin und Kartoffelchips: Es schleicht sich hier der Eindruck ein, dass es ein Song ist, der es vormals nicht so recht auf eine Platte geschafft hat und hier nun den Raum findet. Nein, kein Lückenfüller, aber insgesamt einer der schwächeren.
Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun): Es die vorab gefeierte Single und mit/nach Der Tag wird kommen das schwerwiegendste und wichtigste Lied, das Marcus Wiebusch je geschrieben hat. In Verbindung mit dem Video ist es ein Garant für Gänsehaut, stockenden Atem und Tränen. Ich würde gerne wissen, wie es auf betroffene ehemalige DDR-Bürger wirkt. Klar, die Parallele von '89 zu '15/'16 ist gewagt, fokussiert jedoch offen die Arbeit von Fluchthelfern.
Die Straßen unseres Viertels: Für den "Na na na"-Gesang am Anfang muss es eine Strafe geben, das ist ganz schlimm. Jedoch: Hier wird gnadenlos reflektiert und auf die Filterblase eingegangen, in der wir vegetarischen Akademiker uns befinden. Selbst die ZEIT hat das letztens der Band vorgeworfen, hier ist das musikalische Gegenargument. Ein wichtiges Lied!
Auf den billigen Plätzen: Back to the roots. Ein unumwunden gutes Lied, das jedoch nicht so richtig im Kopf hängen bleibt.
Trostbrücke Süd: Nach Landungsbrücken raus und Schrilles, buntes Hamburg ist es der nächste große Hamburg-Song der Band, dieses Mal aus der Feder von Reimer. Es ist das ruhigste Lied der Platte und so so schön. Hörend findet man sich wieder in einer Bus- oder U/S-Bahnfahrt am frühen Morgen. Hier wurde groß getextet mit einem immensen Gespür für das Zwischenmenschliche, Greifbare und gefühlvoll Nachvollziehbare.
Mannschaftsaufstellung: Uhi. Wird es hier antideutsch?! Der Refrain lässt es erahnen, aber ich vermute es ist keine Meinung der Band, sondern eine weitere gute Story. Es ist ein knallhartes, aufmerksames AfD-Portrait und stellt klar, dass jede ihrer Provokationen geplant, durchdacht, inszeniert sind. Am Ende doch die Frage: Muss dieses Lied sein? Oder ist es am richtigen Ort, um als Diskussionsstoff zu taugen?
Das Gegenteil der Angst: Ein gesellschaftliches und nicht befindlichkeitsfixiertes Mutmacherlied.
Mit der Stimme eines Irren: Dümpelt das Album etwa aus?! Nein, nicht mit einer Zeile wie dieser: "Wenn man Grenzen, die man zieht, von oben immer nur als Linie sieht."
Den Revolver entsichern: Das Lied ist so breit und fein und tief, dass ich nur sagen will, dass das Schlussplädoyer für sich steht. Danke dafür.

Ja, die Erwartungen - insbesondere nach der ersten Single - waren groß. Sie werden erfüllt. Ob sie übertrumpft werden, muss jeder für sich entscheiden. "Den Zeitgeist erkennen" klingt so abgegriffen, doch Kettcar haben genau das geschafft und gemacht.
Insgesamt wird es vielleicht nicht mein Lieblingsalbum der Band, doch die Wichtigkeit dessen ist offensichtlich. Texte im Gitarrenpop sind wieder relevant.

Hier sind Kettcar kommendes Jahr live zu bestaunen (wir sehen uns in Dortmund und Hamburg):

18.01. - Saarbrücken, Garage
19.01. - München, Tonhalle
20.01. - A - Wien, FM4 Geburtstagsfest
21.01. - A - Graz, PPC
22.01. - CH - Schaffhausen, Kammgarn
23.01. - CH - Bern, Bierhübeli
24.01. - Erlangen, E-Werk
25.01. - Stuttgart, Theaterhaus
26.01. - Dortmund, FZW (ausverkauft)
27.01. - Bremen, Schlachthof (ausverkauft)
28.01. - Kiel, Max
30.01. - Magdeburg, Altes Theater
31.01. - Dresden, Schlachthof
01.02. - Leipzig, Haus Auensee
02.02. - Wiesbaden, Schlachthof
03.02. - Köln, Palladium
06.02. - Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
07.02. - Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
08.02. - Hannover, Capitol
09.02. - Bielefeld, Ringlokschuppen
10.02. - Berlin, Columbiahalle (verlegt aus Huxleys)
23.03. - Essen, Weststadthalle
24.03. - Bremen, Schlachthof





Dienstag, 10. Oktober 2017

Mine & Fatoni - Alle Liebe nachträglich

Mine & Fatoni. Foto: Simon Hegenberg
(ms) "Wenn Sie nicht mit ihrem Mann schlafen, dann wird es eine andere tun." Das hat die bekannteste Scheidungsanwältin Amerikas letztens in einem sehr lesenswerten Interview mit dem ZEITmagazin gesagt. Das klingt hart, ehrlich und sie hat genügend Erfahrung, um genau das zu behaupten. Wahrscheinlich wissen auch viele Getrennte, dass das wahr sein kann. Über die Hochs und die vielen Tiefs einer Beziehung weiß Laura Wasser sicherlich so gut wie kaum jemand anders Bescheid. Und jetzt kommen Mine und Fatoni um die Ecke und bringen diesen Freitag ihr gemeinsames Album "Alle Liebe nachträglich" auf den Markt und machen der Anwältin mächtig Konkurrenz. Hier kommen nicht nur zwei kluge Texter zusammen, sondern auch ein Haufen an schlauen, bitterbösen, wahren und treffenden Gedanken und Zeilen zum Zusammenleben, Streiten, wieder Vertragen, Auseinanderleben und Verlieben zweier Menschen.

Mine: bürgerlich Jasmin Stocker, hat Musik studiert, schon mit Fatoni gearbeitet und zwei eigene tolle Alben veröffentlicht.
Fatoni: bürgerlich Anton Schneider, hat nicht studiert, macht seit er denken kann Rap, brachte dieses Frühjahr zuletzt sein "Im Modus"-Mixtape raus.
Gemeinsam haben sie gut zwei Jahre an diesem Anwärter für das Album des Jahres gearbeitet (Nein, es ist wirklich nicht übertrieben). Bemerkenswert dabei ist, dass sie das oft an zwei unterschiedlichen Orten getan haben.
Direkt am Anfang kann unumwunden behauptet werden, dass sie dabei die Unterstützung von Tristan Brusch (Mehr) oder Danger Dan (Aua) gar nicht hätten gebraucht, denn die Platte spricht in jedem Takt musikalisch und textlich für sich!
Anders als bei anderen Duo-Produktionen (beispielsweise Minor Alps) singen Fatoni und Mine selten zusammen. Sie ist für die Gesangparts und viele Refrains zuständig und er geht seiner unbändigen Fähigkeit nach, auch mal hölzerne Reimketten gekonnt unterzubringen.

Mit Romcom startet dieses Werk vielleicht mit dem besten Track, dem "Klischeebeziehungsstreit", der ewigen was-gucken-wir-heute-abend-Lethargie plus die allergrößte Frage: Wollen wir gemeinsam Kinder groß ziehen?! Und das alles nur in viereinhalb Minuten: Hut ab! Andersweitig (Mehr) geht es auch um nicht erwiderte oder einseitige Liebe, was den einen irritieren kann und den anderen zu großem Schmerz führt. Der Titeltrack und gleichzeitig die erste Single lässt eine alte Liebe revu passieren mit den schönen und unschönen Momenten, die gut- und wehtun können, wenn man sich daran erinnert. Entsprechend schwer melancholisch mit großem Streicherarrangement ist der Song ausgestattet. Diese klanglichen Finessen gehen auf Mines Konto (Studium, Erfahrung etc.), und dafür gehört ihr ein Denkmal gebaut.
Auf so einem Konzeptalbum gehört natürlich auch ein Liebeslied, die rosarote Brille erscheint hier als Schminke. Zum Ende hin wird es immer stärker (ja, ich schwärme, ist klar, geht aber auch gar nicht anders). Fundament ist m.E. das musikalische Highlight mit der herrlich eingängigen Keyboard-Line; dazu textlich das krachende Ende einer gemeinsamen Zeit mit der Zeile: "Schlampe darf dich wirklich nur einer nennen, du miese Schlampe." Ja, es darf auch mal derbe zugehen. Aber: Erstklassiges Hitpotential. Traummann schlägt die Brücke zum obrigen Zitat, Mine entfaltet hier ihr enormes Talent für Melodien und Soundfinesse. Schließlich singt sie auf Mon Coeur auch noch französisch im Refrain: extraordinnaire!

Alle Liebe nachträglich ist ein außergewöhnlich kluges Album, das textlich sorgfältig, musikalisch mannigfaltig und insgesamt halt kaum zu schlagen ist.
Wir sind ja lange schon große Fans von Fatoni (und das hier ist weitestgehend erstklassige Popmusik), jetzt sind wir es auf jeden Fall auch von Mine und wenn die beiden auf Tour gehen, wird ein Spektakel entfacht. Das ist hier zu bestaunen:

05.12. - Musikzentrum Hannover, Hannover
06.12. - Uebel und Gefährlich, Hamburg
07.12. - Luxor, Köln
08.12. - Kulturzentrum Lagerhaus, Bremen
09.12. - FZW, Dortmund
10.12. - Schlachthof, Wiesbaden
12.12. - Skaters Palace, Münster
13.12. - Columbia Theater, Berlin
14.12. - Kulturzentrum E-Werk, Erlangen
15.12. - Conne Island, Leipzig
16.12. - Ampere, München
17.12. - Im Wizemann, Stuttgart



Sonntag, 8. Oktober 2017

William Patrick Corgan - Ogilala

(sb) William Patrick - da muss man sich auch erstmal dran gewöhnen, wenn man den Mann Zeit seines Lebens (zumindest gefühlt) nur als Billy Corgan kannte. Na, klingelts? Richtig, das ist niemand anderes als das Mastermind und die Stimme der Smashing Pumpkins. Nach seinem 2005er Werk "TheFutureEmbrace" veröffentlicht der mittlerweile 50-Jährige aus Chicago am 13.10. sein zweites Soloalbum, das auf den ungewöhnlichen Namen "Ogilala" hört.

Selten war ich so gespannt auf einen Release und selten bin ich mit so wenig Erwartungen an ein Album herangetreten wie in diesem Fall. Der Grund ist ganz einfach: in meiner Jugend war ich ein riesiger Fan der Pumpkins, habe sie zweimal live in München gesehen (1995 im legendären Terminal 1, 1997 in der Olympiahalle) und konnte nicht genug von der Band bekommen. Es gibt wenige Alben, die ich in meinem Leben so oft gehört habe wie "Siamese Dream" und vor allem "Mellon Collie and the Infinite Sadness", Songs wie "Today", "Bullet With Butterfly Wings", "Tonight, Tonight" oder "Ava Adore" haben mich bis heute begleitet.

Warum also diese ausgeprägte Skepsis? Zum Einen haben mich die letzten Alben der Smashing Pumkins extrem abgeschreckt (von der ursprünglichen Besetzung sind eh nur noch Corgan und mittlerweile wieder Drummer Jimmy Chamberlain übrig), zum Anderen konnte ich mich zu keiner Zeit mit Billys Solo-Debüt anfreunden. Drumcomputer, Syntheziser und langweilige Belanglosigkeit - das war nicht der Corgan, den ich kannte und der in Zeiten der Generation X stilprägend war.

Photo: Alpha Pan
Und nun also "Ogilala"... Für den Titel für den bescheuertsten Albumnamen des Jahres hat sich Corgan schon mal in eine aussichtsreiche Position gebracht, aber Gott sei Dank kommt es darauf ja nicht an. Ich gebe zu: meine Nervosität beim ersten Anhören der Scheibe war sehr ausgeprägt, doch schon nach den ersten paar Tönen war sie gewichen. Zu schön, zu sanft, zu verletzlich waren die Klänge, die den Boxen schmeichelten und ja, es war Begeisterung vom ersten Song ("Zowie") an.

Produzentenlegende Rick Rubin legte Hand an bei den elf Tracks, die wie aus einem Guss herüberkommen, ein überaus stimmiges Gesamtbild zeichnen und getrost als Meisterwerk bezeichnet werden dürfen. Der Zorn vergangener Tage scheint verflogen, die Melancholie ist zurückkehrt, aber auch hoffnungspendende Melodien und Texte hat Grammy-Gewinner Corgan auf "Ogilala" gezaubert.

“So lange wie ich zurückdenken kann, konnte ich den Unterschied zwischen Songs, die ich für mich schrieb und Songs, die ich für welche Band auch immer schrieb, nie genau erklären. Und das ist noch immer so, denn sie fühlen sich alle sehr persönlich für mich an, egal aus welcher Zeit oder Ära. Der einzige Unterschied bei den Songs für Ogilala ist, dass sie wenig Verzierung benötigten”, erklärt Corgan. “Nachdem ich die Songs für Gesang und Gitarre geschrieben hatte, habe ich mich in Ricks Hände begeben und ihm die Entwicklung der Musik überlassen. Normalerweise hätte ich mehr getan und mehr an der Produktion geschraubt, aber stattdessen hat Rick mir die Bürde auferlegt, Live-Aufnahmen auf einem molekularem Level abzuliefern. Der Rest war einfach nur eine Reaktion.”

Tracks wie "Amarinthe" und "Manarynne" treiben einem ob ihrer puren Schönheit die Tränen in die Augen und lassen Klassiker wie "Disarm" oder das deutlich unbekanntere (aber bessere!) "Soothe" vergessen.

Liebe Leser der luserlounge, lasst Euch dieses Album nicht entgehen - Ihr werdet es nicht bereuen!